Deutsches Schulsystem: Kritik aus 3 Perspektiven

Vorweg: Es ist leicht, kritisch zu sein – weniger leicht, ein erfolgreiches System zu verantworten. Dennoch ist Kritik wichtig: sie gibt den Entscheidern und Gestaltern Feedback, wie sie das System besser bauen können.

Perspektiven einer Kritik am deutschen Schulsystem

Ich habe schon einige verschiedene Perspektiven auf das Schulsystem geworfen und glaube, dass es gut ist, all diese Perspektiven abzuwägen.

  • Schüler: Erfahrungen der eigenen Kindheit und Jugend im deutschen Schulsystem
  • Referendar und Lehrer: an 3 Schulen in Deutschland (davon 2 konventionelle, 1 alternativ-pädagogische)
  • Vater eines Kindes, welches in eine Berliner Schule geht
  • Doktorand der Didaktik und Pädagogik
  • Berater für Schulen, vor allem zu Schulentwicklung, aber auch spezielle Trainings zu Design Thinking oder Team-Kommunikation
  • Coach & Trainer für pädagogische Einrichtungen, Unternehmen der Erwachsenenbildung
  • Deutscher Staatsbürger, also Mitglied einer Nation mit 80 Millionen Einwohnern
  • Unternehmer, der kompetente Mitarbeiter braucht
  • Mensch: Spezies Homo Sapiens, Ordnung der Primaten, Klasse der Säugetiere

3 Kritikpunkte am deutschen Schulsystem

  1. Würfelglück: eine erfolgreiche Schullaufbahn hängt wohl maßgebend davon ab, wieviel Glück ein Kind hat darin, in welcher Umgebung es landet. Insbesondere kann kein Kind etwas für:
    • Elternhaus (deren Bildungsgrad, Vermögen, sozialer Status)
    • Schulqualität der konkreten Grund- und weiterführenden Schulen, auf die ein Kind geht
    • Lehrkompetenz der konkreten Lehrerinnen und Lehrer
  2. Schulnarben: sehr viele Menschen berichten von negativen Erfahrungen der Schulzeit, zugefügt durch lieblose Lehrer Pädagogen. Dazu zählen vor allem traumatisierende Erfahrungen in Form von negativen Bewertungen der Persönlichkeit und Identität („Du bist dumm“ statt „in dem Test konntest du Aufgabe XY noch nicht so gut lösen“), Ausgrenzungs- und Mobbingerfahrung, Strafen und ggf. Demütigungen.
    Dies geschieht auch in allen anderen Bereichen des menschlichen Lebens: auf Arbeit, in Familien, im Freundeskreis. Allerdings hat die Schule eine besondere Verantwortung, weil sie ja systematsich Kinder erzieht und prägt und durch pädagogisch ausgebildetes Personal viel Macht über Kinder hat.

    • Gewalt: zu meiner Grundschulzeit Mitte der 1990er war es normal, dass die Mathelehrerin Kinder bei schlechten Leistungen einem Kind mit dem Hefter auf den Kopf schlug).
    • Seelische Verletzung: Menschen sind unterschiedlich empfindlich – wenn soziale oder emotionale Reize oder Verhalten von anderen Menschen die Verletzlichkeit eines Menschen trifft, dann entstehen seelische oder emotionale Verletzungen
    • „Mathe ist nichts für Mädchen“ ist bis heute ein üblicher Glaubenssatz
  3. Weltfremdheit: Lehrer sind Schüler, die nach der Schule in die größere Hochschule gehen, um dann wieder für den Rest des Arbeitslebens an eine Schule gehen. Das Bildungssystem ist damit relativ geschlossen bezüglich Inspiration von außen. Dazu ist zu befürchten: besonders diejenigen Schüler, die besonders Autoritätsfürchtig waren, sind bestrebt, selbst zu einer Autorität zu werden – zum Beispiel zu Lehrern, die später ihre Autorität gegenüber Schülern ausspielen.
    Autoritäten sind nichts schlimmes, aber sie haben eben eine Machtwirkung und können daher besonders leicht seelisch verletzen (siehe Punkt 2).
  4. Trägheit: Das Schulsystem repräsentiert eine Welt von gestern.
    Pünktlich, fleißig, ordentlich und brav – das sind die Kriterien für gutes Verhalten in der Schule. Damit werden unterwürfige Pflichterfüller erzogen, zumindest nicht kritisch denkende Unternehmer oder gesellschaftlich pro-aktive Menschen. Dies war vor allem notwendig in der Zeit der Industrialisierung, die ja aber Gottseidank vorbei ist. Im Zeitalter von Digitalisierung und Klimawandel brauchen wir mündige Menschen, eher ausgebildet nach den 21st Century Skills.

Erfolge des deutschen Schulsystems

  • Kinder werden von der Straße ferngehalten
  • die deutsche Wirtschaft ist eine der erfolgreichsten der Welt und kann dies nur, zurückgreifend auf die Absolventen und Abbrecher des deutschen Schulsystems
  • Deutschland ist international anerkannt für seine sehr kompetenten Fachkräfte, insbesondere Ingenieure, Mediziner, bis zur NS-Zeit war die deutschsprachige Wissenschaft in eigentlich allen Wissenschaften bahnbrechend (zum Beispiel Einstein, Heisenberg, Robert Koch, Mendel, Zuse, Freud und Jung, Alfred Wegener)