Foresight, Future Thinking, Szenarioplanung, Trendforschung, Zukunftsforschung: Wer in dieses Feld einsteigt, stolpert schnell über ein Dutzend Begriffe, die niemand sauber trennt. Statt sie in eine Rangliste zu pressen (was ist die beste Methode?), hilft ein Bild, das der Foresight-Forscher Rafael Popper 2011 vorgeschlagen hat: der Foresight-Diamant. Er zeigt, dass jede Methode sich zwischen vier Polen verortet. Das erklärt, warum sich die Begriffe überlappen, statt Konkurrenten zu sein.
In diesem Text zeige ich den Future-Diamond, mache eine Begriffsklärung und Landkarte der Zukunftsforschung, als Ergänzung zum Hauptartikel über Future Thinking.
Der Foresight-Diamant
Der Diamant spannt sich zwischen vier Polen auf:
- Creativity (Kreativität)
- Evidence (Empirie, Daten)
- Expertise (Expertenwissen)
- Interaction (Beteiligung)
Jede Methode liegt irgendwo zwischen diesen Polen. Backcasting und Zukunftsvisionen sitzen eher bei Kreativität, Bibliometrie und Extrapolation bei Evidenz, Delphi (Experteninterviews) und Expert Panels bei Expertise. Der Diamant hilft, je nach Bedarf, einen passenden Zugang zu finden.
Drei Strömungen der Zukunftsforschung
Es gibt verschiedene Traditionen oder Denkschulen in der Zukunftsforschung:
Strategisch-analytische Zukunftsforschung
Sie betrachten Zukunftsplanung wie ein Schachspiel. Was ist der höchste Nutzen für meine Seite und wie kann ich die aktuellen Informationen nutzen, um clevere Taktiken und Strategien durchzuführen, meine Stärken auszuspielen und die Schwächen des Gegnern zu nutzen.
Die Wurzel im Kalten Krieg erklärt den analytischen, planungsorientierten Charakter.
- Vertreter: Peter Schwartz, Herman Kahn, RAND Corporation.
- Methoden: Scenario Planning, War Gaming, Modellierung, Delphi-Studien.
- Schwerpunkte: strategische Vorausschau, militärische Planung, Geopolitik, Kybernetik.
Normativ-kritische Perspektive
Hier steht nicht „Was wird?“, sondern „Was wollen wir?“ im Zentrum – und was sorgt für eine ethisch integrere Zukunft, in der ein Gleichgewicht für viele Parteien und Generationen erreicht wird?
- Vertreter: Robert Jungk, Sohail Inayatullah.
- Methoden: Zukunftswerkstatt, Causal Layered Analysis (CLA), Experiential Futures, Bürgerräte.
- Schwerpunkte: partizipative Ansätze, normative und wünschenswerte Zukünfte, Konstruktivismus.
- Anwendungsbereiche: Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit, kollaborative Zukunftsgestaltung.
Innovationsforschung
Was wird möglich, wenn die Grenzen des Machbaren austesten?
- Fokus: Unternehmen, kurz- bis mittelfristiger Zeithorizont.
- Vertreter: Joseph Schumpeter, Everett M. Rogers.
- Themen: Adaption von Innovationen (Early Adopters, Early/Late Majority, Laggards), organisationale Trägheit, White Elephants (Investitionsruinen).
Einordnung: Trendforschung
Ein Begriff, der ständig danebensteht und oft verwechselt wird, ist die Trendforschung. Sie liefert den Rohstoff: Sie identifiziert, beschreibt und bewertet Trends und schwache Signale. Foresight und Szenarioplanung verarbeiten diesen Rohstoff dann zu Zukunftsbildern und Strategien.
Die gängigen Trendforschung-Methoden überschneiden sich deshalb stark mit dem, was auch die Zukunftsforschung nutzt:
- Horizon Scanning: systematisches Absuchen von Quellen nach schwachen Signalen.
- Trendradare und Trendlandkarten: visuelle Verortung von Trends nach Reifegrad und Wirkung.
- Desk Research und Data Mining: Auswertung von Publikationen, Patenten, Suchdaten.
- Experteninterviews und Delphi: Einschätzungen bündeln und verdichten.
- Trendextrapolation: Fortschreiben erkannter Muster, mit klarem Bewusstsein für ihre Grenzen.
Der Unterschied in einem Satz: Trendforschung fragt „Was verändert sich gerade?“, Zukunftsforschung fragt „Was heißt das für mögliche Zukünfte, und wie bereiten wir uns heute darauf vor?“.
Wer eine gute Trendforschung-Basis mitbringt, hat eine besonders gute Grundlage für die Zukunftsforschung und die Future Thinking Methodik.
Einfach zugängliche Techniken:
Ergänzend zur 5-Schritte-Anleitung lohnen sich:
- Traumreise zur Entdeckung möglicher Zukünfte und zur Visionsfindung.
- Zukunftscollagen: visuelle Zusammenstellung von Assoziationen zu einem Szenario.
- Nachrichten aus der Zukunft: ein Zeitungsartikel aus einem Szenario.
- Brief aus der Zukunft an uns heute.
- Experteninterviews: nimm Kontakt zu einem Experten auf und führe ein Interview mit ihm.