7 systemische Fragetechniken für Coaching & Beratung [mit Vorlage]

Eine mächtige Schatzkiste und hohe Kunst sind systemische Fragetechniken (auch: systemische Fragen oder systemische Fragestellungen). Sie sind ein Sammelsurium aus bewährten therapeutischen Kniffen und Analysetools von Coaches & Beratern.

Sie sind Teil der Grundausstattung der Gesprächsführung für Coaching, Therapie, Führung und Pädagogik. Insbesondere sind die systemischen Fragen dann nützlich, wenn man in der menschlichen Arbeit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, sich im Kreis dreht oder einfach dringend ein Themenwechsel hilfreich wäre.

In kurz, die Antwort auf die Frage, „Was sind systemische Fragetechniken?“

Systemische Fragetechniken helfen denjenigen, die mit Menschen arbeiten, bei der effektiven Gesprächsführung hin zu einer Erkenntnis und Lösung des persönlichen Problems.

In diesem Artikel bekommst du eine Sammlung von systemischen Fragetechniken und Taktiken, die helfen, Zusammenhänge aufzudecken (Perspektivische Fragen, Hypothetische Fragen, Skalenfragen, Kopfstand). Oder – weil es manchmal gar nicht möglich oder sinnvoll ist, den Kern eines Problems zu freizulegen – kannst du auch den Klienten mit Fragen in Richtung Selbstorganisation lenken (Ressourcenaktivierung, Zielorientierte Fragen, Hypothetische Fragen). Die höchste Kunst sind Fragen zur paradoxen Intervention. Doch zunächst solltest du deinen Werkzeugkasten bestücken, bevor du dich an die Königsdisziplinen wagst.

Wenn du die systemischen Fragetechniken in Ruhe erlernen möchtest, kannst du dies in unserer Blended-Learning-Ausbildung zum Systemischen Coaching tun.

Nutzen von Systemischen Fragen

In der Arbeit mit Menschen können wir die meisten Techniken sowohl für das Verstehen anwenden als auch zur Intervention, um eine Weiterentwicklung zu ermöglichen.

  1. Erkenntnis: Problemanalyse hin zum Aufdecken von Zusammenhängen & tieferen Dynamiken, sodass ein Verständnis möglich wird:
    Welche Art von Problem ist es?
    Warum ich bin davon betroffen?
    Was bedeutet es für mich, dieses Problem zu haben?
    Wie finde ich das eigentliche Problem heraus?
    Was ist das Problem hinter dem Problem?
  2. Kreativität fördern: neue Lösungen ermöglichen, Veränderung vorantreiben, Gewohnte Bahnen verlassen, Out-of-the-Box-Denken ermöglichen. Um neuartige Ideen und Ansätze zu evozieren, müssen die bisherigen Denkgewohnheiten überwunden werden. Hier helfen systemische Fragen, vor allem die hypothetischen Fragen, um hinter die Kulisse der Konventionen zu blicken. Ebenfalls äußerst nützlich für diesen Zweck sind Kreativitäts-Heuristiken.
    Wie haben andere Menschen schon einmal dein Problem gelöst?
    Wie kannst du deine bestehenden Kontakte nutzen, um zu deinem Ziel zu kommen?
  3. Selbstorganisation fördern: manche Fragen wirken nicht kurzfristig, sondern eher langfristig und unbewusst.
    Die Ressourcenfragen, die paradoxe Intervention oder auch die eher kreativen hypothetischen Fragen zielen darauf ab, den Klienten langfristig zum selbstständigen Denken und Handeln zu ermächtigen.
    Was ist alles gut an dir?
    Wenn du keine Änderungs sieht, wäre es leichter, dich mit dem Problem abzufinden – wie ging es dir damit?

Infografik: Übersicht Systemische Fragetechniken

Hier findest du einen Überblick zu systemischen Fragen mit Beispiel-Formulierungen. Weiter unten gibt es eine Vorlage für einen Fragebogen, um die wichtigsten Fragen im Interview zu ermitteln.

Sysmteische Fragen - Fragetechniken - Infografik - Creative Self

Ressourcenaktivierungsystemische Fragetechniken, Fragen, Ressourcen, Kreativität

Ressourcen sind alles, was hilft, um Herausforderungen zu bewältigen: Kompetenzen, positive Erfahrungen, Wissen, soziale Netzwerke, Motivation & Energie. Sie gehören an den Anfang, denn es ist immer nützlich, die persönlichen Ressourcen ins Bewusstsein zu rufen, zu aktivieren und zu nutzen. Der Blick auf die Ressourcen schafft Sicherheit und neuen Raum für Kreativität & Selbstwirksamkeit, auch wenn sonst kein Weg zur Lösung eines menschlichen Problems in Sicht ist.

  • Was hat dir bisher geholfen?
  • Wer oder was kann dich unterstützen?
  • Was hast du schon unternommen?
  • Auf welche Verhaltensweisen kannst du in schwierigen Zeiten zurückgreifen?
  • Kennst du Projekte, die ähnliche Aktionen gestartet haben?
  • Stell dir das Projekt als Kochrezept vor: Welche Zutaten brauchst du alles? Wie gehst du Schritt für Schritt vor, um dein Gericht zu kochen?

…zur Anleitung „Utilisation von Ressourcen“

Zielorientierte Fragen

Willenskraft ist eine knappe Ressource und vielen Schwankungen unterworfen. Es lohnt sich, diese zu aktivieren und gezielt zu kanalisieren.

  • Was ist das Ziel deines Projektes?
  • Welches Problem willst du lösen?
  • Warum willst du dein Ziel erreichen?
  • Also ist dein Ziel, dass … Könntest du das konkretisieren?
  • Woran merkst du, dass du dein Ziel erreicht hast bzw. das von dir adressierte Problem gelöst ist?
  • Wann ist der Punkt erreicht, an dem dein Projekt überflüssig wird?

Perspektivische Fragen

Die meisten Menschen verbinden mit systemischen Fragetechniken diese Kategorie: perspektivische Fragen (auch Zirkelfragen oder zirkuläre Fragetechniken) – denn hier geht es darum, die verschiedenen Perspektive eines menschlichen Systems auszuleuchten. Dafür können andere Stakeholder herangezogen werden (Partner, Kollege, Chefin, Kinder …):

  • Ein guter Freund hat dieses Problem, was rätst du ihm?
  • Was rät dir dein Partner / deine Eltern / deine Großmutter?
  • Wie hätte dein Umfeld reagiert?
  • Wer hätte positiv/negativ reagiert?

… es können aber auch gänzliche andere Positionen im Gesamtsystem eingenommen werden:

  • Wie sieht es aus, wenn du wie Gott auf dein Leben herunterschaust?
  • Was würden deine Ahnen sagen?
  • Als Teil des Ökosystems – welche Bedeutung hat dein Symptom?
  • Stell dir vor, du bist am Ende deines Lebens – was würdest du deinem heutigen Ich raten?

Trick zum Vorgehen, um verschiedene Perspektiven zu finden:

  1. Du kannst dir zur Unterstützung das Gesamtsystem vorstellen.
  2. Dann verändere die Perspektive im sozialen System.. Welche Menschen nah und fern blicken auf die Person, um die es geht?
  3. ..und dann verändere evtl. auch die Zeitachse… Wie hättest du als Kind und als alter Mensch auf das Problem geguckt?

Hypothetische Fragen

systemische Fragetechniken, Fragen, Ressourcen, Kreativität

  • Du sagst, du brauchst mehr Führung – Was wäre dann, wenn du sie bekämest?
  • Nimm einmal an, du wüsstest, was der nächste Schritt wäre, was würdest du als Erstes tun?
  • Stell dir vor, du hast dein Ziel erreicht, was wäre dann anders?

Die Wunderfrage:

  • Stell dir vor, du wachst morgen auf und ein Wunder ist geschehen? Wie sieht das aus?
  • Wonach du dich am meisten sehnst, wird eines Tages Wirklichkeit – Was wäre passiert?

5 Leben

Wenn du 5 Leben hättest… welche Leben würdest du gerne alternativ zu deinem jetzigen Leben führen?
Weiterführung: Hypothetische Fragen danach, wie die Frage nach den 5 Leben, laden ein, daraus weitere Erkenntnisse zu sammeln, z.B. durch

    1. Was steckt da eigentlich dahinter?
    2. Was fehlt mir im Leben?
    3. Wie kann ich die Bedürfnisse dahinter integrieren in diesem Leben?

Skalen-Fragen

Skalen-Fragen helfen, um gefühlte Zustände und Prozesse sichtbar werden zu lassen und erzeugen eine subjektive Messbarkeit. Skalenfragen eignen sich daher hervorragend zum Erkennen von Fort- und Rückschritten im Prozess des Coachings.

  • Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie nah bist du am Ziel?
  • Was musst du tun/müsste passieren, um höher zu klettern?
  • Stelle dir eine Skala von 1 bis 10 in deinem Raum vor: Stell dich auf die Stufe, auf der du momentan bist.
  • Auf dem Zeitstrahl deines Lebens: an welchem Punkt befindest du dich jetzt?

Kopfstand (Paradoxe Fragen)

Manchmal sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und drehen uns im Kreis. Nämlich dann wenn der Versuch etwas besser zu machen, eher Trägheit auslöst. Durch die Kopfstand-Methode nehmen wir bewusst genau die Perspektive ein, die wir sonst nie einnehmen und können so aus der Verwirrung herausfinden.

Allgemeine Umkehr-Fragen:

  • Wie kann es noch schlimmer werden?
  • Wie können wir das Vorhaben an die Wand fahren?
  • Was kann im schlimmsten Fall passieren?
  • Damit es noch schlimmer wird – was musst du tun?

Konkrete Beispiele für Kopfstand-Fragen:

  • Wie kann unsere Schule zum schlimmsten Ort der Welt werden?
  • Was könnten wir tun, damit andere Menschen Sie als richtig egoistisches Arschloch wahrnehmen?
  • Wie kann das Unternehmen innerhalb eines Jahres pleite gehen?
  • Was musst du tun / lassen / sagen, damit deine Zielgruppe dir komplett den Rücken zukehrt?

Anschließend leitest du aus den Ergebnissen das Gegenteil, bzw. positive Erfolgsstrategien. Manchmal helfen Kopfstand-Fragen auch schon, um Wachheit hervorzurufen, um dann konstruktiv weiterarbeiten zu können. Noch besser ist dafür folgende Technik:

Paradoxe Intervention

Bei der paradoxen Intervention erschütterst du den Fallgeber, um ihn aus seinen Denkmustern zu befreien. Dies setzt Vertrauen voraus, sonst kann es nach hinten losgehen. Möglich ist dies z.B. durch ein Wechseln der Rollen vom „Berater“ zum „Komplizen“ oder durch Identifizierung mit dem Problem („Hervorragend, weiter so mit den Selbstvorwürfen!“).

  • Ok, dann gehen wir davon aus, dass alle Ängste & Bedenken zutreffen …
  • Mutter zu Sohn: Du kaust also gerne an deinen Fingernägeln, weil das die anderen Kinder auch machen? Dann schlage ich vor, dass du der allerbeste Fingernagelkäuer von allen wirst. Du hast viel zu üben, nimm dir eine Stunde Zeit und kaue einfach nur ganz konzentriert an deinen Nägeln!
  • Du versuchst seit 2 Jahren abzunehmen und schaffst es nicht! Wie wäre es dann, wenn du in den nächsten 2 Monaten 20 Kilo zunimmst?
  • “Es gibt auch andere Menschen, denen es schwer fällt, ihre Gefühle anzunehmen. Erfolgreiche Strategien sind Alkohol, Spielsucht, andere beschuldigen, sich zu überfressen… Was ist Ihre?”

Paradoxe Interventionen helfen im besten Fall dabei, Neurosen aufzubrechen. Sie können aber, wenn wenige geistige Ressourcen vorhanden sind, auch erst einmal überfordern und verwirren. Also nutze sie weise!

>> Zur Anleitung „Paradoxe Intervention“

Worträtsel zu den Systemischen Fragetechniken

Im folgenden Worträtsel sind die Kategorien zu Systemischen Fragen als Begriffe versteckt. Finde die Begriffe, die unter dem Puzzle stehen. Als Belohnung bekommst du einen Gutscheincode. Markiere jeweils den Anfangs- und Endbuchstaben.


Select Level:
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Verwandte Fragetechniken

  1. Sokratische Fragen zielen darauf ab, vorhandene dysfunktionale Vorstellungen aufzudecken und aufzudecken. Danach wird der Person geholfen, auf die wahrere Erkenntnis selbst zu gelange. Sokrates verglich dies mit der Hebammenkunst, Hilfe zum Gebären einer Erkenntnis, auf griechisch Mäeutik.
  2. Offene vs. geschlossene Fragen regulieren die Offenheit der Antwort beim Befragten: Geschlossene Fragen fordern eher zu knappen Antworten auf („Möchtest du lieber erst Zähneputzen oder eine Geschichte lesen?“), während offene Fragen viel Raum zum Antworten lassen („Wie wollen wir das Zubettgehen gestalten?“).
  3. 5 x Warum: Im Design Thinking erhalten die Interviewer den Auftrag, die Nutzer fünf mal hintereinander nach dem dahinterliegenden Grund ihrer Motivation zu fragen, »Ask 5 Times Why!«. Damit sollen die ursprünglichen Bedürfnisse hervorgebuddelt werden.
  4. Operatoren statt Fragen: Mein Ausbilder in Physikdidaktik bestand stets darauf, dass wir nicht zu viele Fragen stellen, die sonstwohin führen: das verbraucht Zeit und öffnet zu viele Nebenkriegsschauplätze. Stattdessen sollte man lieber klar definierte Operatoren als Aufträge verwenden: Nenne, Erkläre, Vergleiche, Berechne, Skizziere, Analysiere …

Vorlage: Fragebogen mit Systemischen Fragen

Diesen Fragebogen benutze ich oft in Workshops, um den Teilnehmern das Üben der wichtigsten systemischen Fragetechniken zu vereinfachen. Und das an einem persönlichen Beispiel. Du kannst sie als PDF speichern oder ausdrucken für ein Interview oder eine Coaching-Session.

Systemische-Fragetechniken-Fragebogen-Design-Thinking-Interview-Empathie-Coaching-Therapie

Systemische Fragetechniken: Was bedeutet „systemisch“?

Ein Mensch und erst recht eine Gruppe von Menschen bilden ein komplexes System. Die Komplexität besteht zum Beispiel darin, dass ein Symptom durch etwas verursacht wird, was an einem verborgenen anderen Ende des Systems entstanden ist. Oder durch statistische Effekte. Besonders gute Anwender dieser Denkweise sind Osteopathen: sie betrachten das System als Ganzes und versuchen, es durch die richtige Intervention an der richtigen Stelle in Richtung Selbstorganisation bzw. Heilung zurückführen.

Tiefer einsteigen ins „Systemische“:

Weitere verwandte Methoden und Kompetenzen

Die Arbeit mit Menschen ist herausfordernd: als Coaches, Pädagogen, Führungskräfte oder Therapeuten können wir Menschen helfen, ihren Geist und ihre Ressourcen sinnvoll zu kanalisieren. Neben den systemischen Fragetechniken gibt es viele weitere nützliche Elemente und Skills, die in keiner systemischen Coaching Ausbildung fehlen sollten:

…lerne systemische Fragetechniken zu nutzen in unserer Blended-Learning-Ausbildung zum Systemischen Coaching.

Systemisches Coaching Online Kurs

Nutze systemische Fragetechniken für Innovationsprozesse, Kreativität & Design Thinking

Design Thinking ist der allgemeine Ansatz, um komplexe menschliche Herausforderungen kreativ zu lösen.
Wie beim Coaching, so gibt es auch beim Design Thinking 2 verschiedene Arbeitsmodi: sie heißen Problemraum & Lösungsraum.

Zunächst ist es wichtig, ein gutes Problemverständnis zu entwickeln. Leider geschieht dies oft nicht und ein Problem wird nur oberflächlich analysiert und damit auch nur oberflächlich gelöst bzw. die Innovationen bleiben auf der gleichen „Ebene“ (ein gutes Modell zu menschlichen Ebenen findest du unter Spiral Dynamics). Besonders gut in der Empathie-Phase vom Design Thinking kannst du systemische Fragetechniken nutzen, um hinter die Fassaden zu blicken.

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