[Anleitung] Future Thinking in 5 Schritten

Wie sieht wohl die Zukunft aus? Und welche Entscheidungen sollten wir dann heute treffen, um uns optimal darauf vorzubereiten? Wie sollten wir Zeit und Geld investieren? Dafür hilft Future Thinking – es ist eine pragmatische Methode, um Zukunftsforschung zu betreiben.

In diesem Beitrag zeige ich ein Schritt-für-Schritt-Vorgehen zur Entwicklung von Zukunftsszenarien und dem Schlussfolgern von Strategien, um sich schon heute möglichst gut auf die Zukunft vorzubereiten. Ich benenne dieses Vorgehen hier mit Future Thinking, welches im wesentlichen synonym ist mit Futuring und Strategic Foresight. Mehr zu den unterschiedlichen Ansätzen findest du in den Texten zum Foresight Diamond und den theoretischen Grundlagen der Zukunftsforschung.

Modell: Trichter der Zukünfte

Der Zukunftstrichter zeigt uns, wie das Spiel der Zukunftssuche funktioniert.

Future Cone - Zukunftstrichter - Transformation

Gegeben: Es gibt die aktuelle Gegenwart, in der wir beobachten können. Dazu haben wir Wissen über die Vergangenheit.

Gesucht: Wie könnte die Zukunft aussehen?

Ansatz: Hypothetische Zukunftsszenarien basierend auf auf möglichen Trends (zum Beispiel Automatisierung durch KI, oder Rücksichtnahme auf Umweltbedarfe)

Trends werden abstrahiert aus bisherigen und aktuellen Beobachtungen, basierend auf Signalen / Indikatoren. Je nach Projektion des Trends auf die Zukunft ergeben sich unterschiedliche Zukünfte.

 

Anleitung: Future Thinking in 5 Schritten

Wie im Zukunftstrichter visualisiert: wir gehen von Trends aus, kombinieren daraus Szenarien und leiten über ein Backcasting Schlussfolgerungen für unsere heutige Situation und vielversprechende Zukunftsszenarien ab.

Future Thinking Anleitung

Teil I: Zukunftsszenarien identifizieren

  1. Rahmen setzen: Benenne das Thema und die Rahmenbedingungen für deine Szenario-Analyse, z.B. in Form von Ziel, Problem, Fragestellung. Eine gute Foresight-Frage hat:
    1. einen Zeithorizont: 3, 5, 10 oder 30 Jahre?
    2. eine Intention: Was möchtest du mit diesem Prozess herausfinden? Welchem Ziel, welcher Person dient diese Untersuchung?
    3. ein Setting: Was sind ist das Arbeitssetting für den Foresight – Prozess? Wer nimmt teil? Wie viel Zeit, Budget habt ihr zur Verfügung? Welche Hilfsmittel sind vorhanden oder ausgeschlossen?
  2. Schlüsselfaktoren analysieren:
    1. Sammle jegliche Art von Einflussfaktoren. Dies muss keiner besonderen Systematik folgen. Alles, was dir bei der Analyse hilft, ist gut, zum Beispiel folgende Kategorien:
      1. Technologie & Wissenschaft, wirtschaftliche Einflüsse, Marktentwicklungen, Ökologie, Politik & Recht, Gesellschaft & Kultur. Dies wird oft zusammengefasst als STEEP – Analyse (Societal, Technological, Economic, Ecological, Political).
      2. Engpässe & Schlüssel-Ressourcen,
      3. sowohl schwache Signale als auch messbare Trends.
    2. Ordne die Einflussfaktoren bezüglich
      1. Einfluss
      2. Unsicherheit.
    3. Wähle die Schlüsselfaktoren aus: das sind die Faktoren mit hohem Einfluss und hoher Unsicherheit aus für die Weiterarbeit.
  3. Szenarien auswählen und gestalten: Skizziere Szenarien, die sich aus den Schlüsselfaktoren kombinieren lassen. Wähle dafür zwei besonders einflussreiche Schlüsselfaktoren und unterscheide, wie stark sich die Schlüsselfaktoren ausprägen und welche Szenarien sich daraus ergeben. Im folgenden Zwischenabschnitt erkläre ich dies anhand einer 2×2-Tabelle.

Szenarien aus Schlüsselfaktoren

Mit Hilfe der folgenden Tabelle kannst aus den wesentlichen Schlüsselfaktoren relevante Szenarien kombieren. Unterscheide dafür, ob der Faktor stark oder gering ausgeprägt ist und kombiniere dies mit dem zweiten Faktor.

Schlüsselfaktor 1
gering ausgeprägt stark ausgeprägt
Schlüsselfaktor 2 stark Szenario 1
Beschreibung des Szenarios
Szenario 2
Beschreibung des Szenarios
gering Szenario 3
Beschreibung des Szenarios
Szenario 4
Beschreibung des Szenarios
Beispiel: Energieversorgung im Jahr 2035
Wie verändert sich die Energieversorgung bis 2035 – abhängig vom Ausbau
erneuerbarer Energien und vom Einsatz künstlicher Intelligenz?

Ausbau erneuerbarer Energien
gering ausgeprägt stark ausgeprägt
KI-Steuerung des Energiesystems stark 1. Optimierte Abhängigkeit
KI verteilt Energie effizient und stabilisiert die Netze.
Da erneuerbare Energien jedoch nur langsam ausgebaut werden,
optimiert sie vor allem ein weiterhin fossil geprägtes System.
2. Intelligentes Energiesystem
Erneuerbare Energien, Speicher, Stromnetze und Verbraucher werden
durch KI flexibel koordiniert. Angebot und Nachfrage können sich
weitgehend in Echtzeit ausgleichen.
gering 3. Fossile Trägheit
Der Ausbau erneuerbarer Energien stockt. Gleichzeitig bleiben
Netze und Kraftwerke wenig digitalisiert. Versorgungssicherheit
wird vor allem durch fossile Kraftwerke gewährleistet.
4. Grüne Fragmentierung
Viele erneuerbare Anlagen werden gebaut, aber Netze, Speicher und
Verbraucher sind nur unzureichend miteinander verbunden.
Überschüsse und Engpässe treten häufiger auf.

Qualitätskriterien von Zukunftsszenarien

  • Plausibilität: Kann man nachvollziehen, wie es dazu kommt? Sind die Annahmen offengelegt?
  • Relevanz: Berühren sie die Entscheidung, um die es geht?
  • Konsistenz: Widersprechen sich die Annahmen nicht?
  • Unterscheidbarkeit: Sind die Szenarien wirklich verschieden?

Wenn sich aus der Kombination der zwei gewählten Schlüsselfaktoren noch keine guten Szenarien ergeben, dann kombinieren einen oder mehr Schlüsselfaktoren hinzu. Ansonsten kannst du auch deiner Intuition folgen, um interessante Szenarien zu wählen.

Teil II: Backcasting und Strategien ableiten

Nun geht es darum, aus den Szenarien Schlussfolgerungen für heute und die zu treffenden Entscheidungen in der kommenden Zeit abzuleiten. Wir verwandeln eine ferne Vision in eine konkrete Roadmap und bauen damit die Brücke von der Analyse zur Handlung. Dafür gehen wir von der Zukunft rückwärts.

  1. Backcasting
    1. Versetze dich in das gewählte Szenario
    2. Frage: Wenn dieses Szenario in 2035 Realität ist, was musste 2032 wahr sein? Und 2029? Und nächstes Jahr?
    3. So entsteht eine Kette von Meilensteinen bis zurück zum ersten Schritt heute.
  2. Strategien ableiten
    1. Vergleiche die Ergebnisse des Backcastings mit deiner Ziel- und Rahmensetzung aus Schritt 1
    2. Formuliere Brainstorming-Fragen als WKW-Fragen an die Szenarien, an das Backcasting oder deine heutige Herausforderung mit Blick auf diese Zukunftsszenarien
    3. Sammle Ideen, als Antworten auf die Brainstorming-Fragen. Halte dich an die Kreativitätsregeln: wilde Ideen ermutigen, aufeinander aufbauen, Bewertungen zurückstellen
    4. Wähle Ideen aus nach den für euch wichtigen Kriterien, entweder intuitiv oder wieder Kriterien-basisert. Wenn Kritierenbasiert, dann generisch nach Originalität vs. Aufwand, ergibt die Now-Wow-How-Ciao Matrix – oder nach eigenen Kriterien, ergibt den Ideentrichter.

Bravo: nun hast du konkrete Ideen und Maßnahmen, die sich aus der Schlüsselfaktoren- und Szenarienanalyse ergeben, um dich optimal auf die Zukunft vorzubereiten.

Du kannst Teil II beliebig oft wiederholen, insbesondere unter Berücksichtigung von Reframing-Strategien, um weitere gute Strategien und out-of-the-box-Ideen zu ermöglichen.

Nutzen von Future Thinking

  1. Bessere Entscheidungen unter Unsicherheit: Du triffst Weichenstellungen nicht auf Basis einer Hoffnung, sondern gegen mehrere geprüfte Zukünfte.
  2. Frühwarnung: Du erkennst schwache Signale, bevor sie zu teuren Überraschungen werden.
  3. Robuste Strategien: Du findest Maßnahmen, die sich lohnen, fast egal wie es kommt.
  4. Gemeinsame Sprache: Ein Team, das gemeinsame Szenarien im Kopf hat, kann sich auch unter kommenden Unsicherheiten schneller auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

Weiterlesen: die Vertiefungen

Wer tiefer einsteigen will, findet die Ergänzungen in eigenen Beiträgen:

  1. Zwei Beispiele durchgespielt: KI-Marktbedarfe und Investment-Strategien. Die ausführlichen Fälle mit Matrizen, Backcasting und abgeleiteter Strategie.
  2. Der Foresight-Diamant: die Landkarte für Foresight, Future Thinking und Zukunftsforschung. Das Ordnungsmodell nach Popper, darin verortet die drei Strömungen der Zukunftsforschung, der Begriffsvergleich und weitere Techniken.
  3. Das Theoretische Fundament der Zukunftsforschung: Was wir über die Zukunft wissen können