Das Genogramm macht sichtbar, wie Gefühle, Beziehungsmuster, Rollen und Belastungen über Generationen beeinflusst werden. Ziel ist nicht Schuldzuweisung, sondern Verstehen von Herkunft, Entlastung der Gegenwart und mehr Wahlfreiheit im Heute. Es hilft zu verstehen, warum bestimmte Trigger so stark wirken.

Anleitung Genogramm
1. Aktueller Anlass: Benenne den konkreten Anlass, der dich zur Arbeit mit dem Genogramm führt, sowie den relevanten Kontext.
2. Eigene Phänomene: Beschreibe deine aktuellen Gefühle, Gedanken, Ängste, Bedürfnisse, inneren Konflikte, relevanten körperlichen Symptome und Beziehungsmuster.
3. Elterngeneration: Trage für Mutter und Vater prägende Beziehungserfahrungen, Belastungen, Rollen, Erziehungsstile, Krankheiten, Brüche, Überforderungen und Bindungsmuster ein. Frage weniger nach Details, mehr nach Dynamiken.
4. Großelterngeneration: Notiere biografische Eckpunkte, Krieg, Armut, Flucht, Verlust, autoritäre Strukturen, frühe Verantwortung oder emotionale Vernachlässigung. Diese Ebene erklärt oft, warum Muster überhaupt entstanden sind.
5. Muster erkennen: Suche nach Wiederholungen und Zusammenhängen, wie Überforderung, Notsituationen, Schuld, Ausgrenzung, Gewalt, Unterdrückung, Bindungs-Brüche. Frage: Was wurde weitergegeben – und was davon trägst du heute noch?
6. Reflexion: Betrachte das Genogramm als Ganzes. Beobachte die Phänomene, ohne zu bewerten. Erlaube dir dadurch, eine innere Distanz zu finden und die Möglichkeit, neue Verhaltensweisen zu lernen auf alte Muster. Fasse das Wesentliche davon zusammen und was du als Erkenntnisse für dich mitnimmst.
Hinweise zur Arbeit mit dem Genogramm
Das Genogramm dient der Analyse von Phänomenen und Mustern: Festgehalten wird, was erlebt, erinnert und innerlich wirksam ist – prägende Gefühle, relevante Rollen, Beziehungsmuster, wiederkehrende Dynamiken, Gewalt und historische Kontexte.
Ambivalenzen gehören dazu. Personen können gleichzeitig überfordert und verletzend, fürsorglich und destruktiv gewesen sein. Wichtig ist, Übergaben sichtbar zu machen: Wo wiederholen sich Themen wie Schuld, Ausgrenzung, Rollenkonflikte, Parentifizierung, Autoritätsangst oder Überanpassung?
Was ist das Genogramm nicht? Das Genogramm ist keine Anklageschrift und keine Detailbiografie. Es geht nicht um Vollständigkeit, moralische Urteile oder Beweisführung. Leerstellen dürfen bleiben.
Beispiel
Aktueller Anlass: Martin erlebt einen eskalierenden Konflikt mit seinem Vorgesetzten über Präsenzpflicht und Krankheitstage. Die Reaktion des Chefs löst bei ihm massive innere Anspannung, Rückzug und innere Gegenangriffe aus.
Eigene Phänomene: Martin beschreibt starken inneren Druck, Wut, Angst vor Jobverlust und Schuldgefühle. Er schwankt zwischen Anpassung und innerem Widerstand. Körperlich zeigen sich Erschöpfung, Verspannungen und erhöhte Reizbarkeit. Beziehungen zu Autoritäten sind für ihn besonders belastend.
Mutter: Die Mutter war früh überfordert, emotional stark belastet und häufig auf Unterstützung angewiesen. Martin übernahm schon als Kind Verantwortung, vermittelte, tröstete und hielt Spannungen aus. Nähe war an Bedingungen geknüpft, Schuldgefühle häufig präsent.
Vater: Der Vater war autoritär, kontrollierend und emotional wenig zugänglich. Eigene Verletzlichkeit zeigte sich kaum, Konflikte wurden über Macht geregelt. Martin lernte früh, sich anzupassen oder innerlich abzuschalten.
Großeltern: In beiden Linien finden sich Kriegserfahrungen, frühe Verantwortung, materielle Not und autoritäre Erziehung. Emotionale Härte und Kontrolle und Gewalt waren normale Erziehungsmethoden.
Erkanntes Muster: Martin erkennt eine transgenerationale Linie aus Überforderung der Eltern → Parentifizierung → Überanpassung. Aktuelle Konflikte mit Vorgesetzten reaktivieren alte Bindungs- und Überlebenslogiken, obwohl die Situation strukturell eine andere ist. Gleichzeitig reagiert Martin sehr sensibel auf Autoritäre Machtgesten und Realitätsverzerrung – dies findet sich wieder im DDR-Hintergrund, wo Realitätsverzerrung, Doppelmoral, Gewalt und Manipulation üblich waren.
Martin erkennt dadurch: Diese Muster erklären meine Reaktionen, aber sie bestimmen nicht meine heutige Rolle. Damit entsteht Raum, Autorität nicht mehr automatisch mit Bedrohung zu verknüpfen.
Weiteres Beispiel: Kafka

Neurobiologische Grundlagen
Die Arbeit mit dem Genogramm aktiviert autobiografische und relationale Gedächtnisnetzwerke. Hippocampus und medialer präfrontaler Cortex verknüpfen aktuelle Erfahrungen mit biografischen Kontexten. Dadurch werden diffuse emotionale Reaktionen erklärbar.
Gleichzeitig sinkt die reine Bedrohungsbewertung durch die Amygdala, weil das Erleben zeitlich und relational eingeordnet wird: Das kommt von früher. Präfrontale Netzwerke übernehmen Deutungshoheit, das Stresssystem wird entlastet.
Durch das Erkennen transgenerationaler Muster wird Schuld reduziert und Selbstmitgefühl gestärkt. Das fördert parasympathische Aktivierung und macht neue Verhaltensoptionen neurobiologisch wahrscheinlicher.
Auf einen Blick
Ziel: Familiengeschichte und Muster über Generationen sichtbar machen
🌱 Wurzeln: systemische Familientherapie (Bowen, Minuchin), Psychiatrie
🧠 Neuro: Hippocampus ↑, DMN ↑, PFC ↑
🟢 Anspruch: mittel-hoch
⚠️ Risiko: Schuldzuweisungen an Herkunftsfamilie, Spekulation & Überinterpretation
💡 Indikation: wiederkehrende Muster, transgenerationale Themen
🚫 Kontra: sehr traumatische Familiengeschichte ohne sicheren Rahmen
🔗 Danach: System-Aufstellung, Inneres Team, Narrativ
