So funktioniert’s: Systemische Aufstellung in 5 Schritten

In diesem Artikel erkläre ich die Methodik hinter Aufstellungen, welche sich auf menschliche Systeme bezieht, insbesondere auf Familien, Organisationen und intra-persönliche Anteile. Ein Verständnis wird möglich über die Zusammenhänge und Eigenschaften komplexer Systeme, Gruppenpsychologie und Persönlichkeitspsychologie.

Aufstellungen sind ein anspruchsvolles Unterfangen. Sie setzen eine hohe Kompetenz bei den Durchführenden voraus – und gebieten Vorsicht und kritisches Hinterfragen, um keinen Vereinfachungen und Täuschungen zu unterliegen.

Ich wünsche viel Spaß und eine erfolgreiche Katharsis hin zur Homöostase!

Mathematik von (menschlichen) Systemen

SnowflakesWilsonBentley
Aus einem Set von atmosphärischen Umweltbedingungen „emergieren“ Schneeflocken. Schon winzigste Veränderungen im System erzeugen unterschiedliche Gestalten und so gleicht keine Schneeflocke der anderen.

Menschen sind komplexe Systeme, die sich vor allem durch folgende Eigenschaften auszeichnen:

  • Systeme bestehen immer aus einem Gefüge von vielen Elementen (Elemente sind z. B. die Mitglieder einer Familie oder Organisation, innere Anteile des Menschen, politische Parteien, etc.)
  • Die Elemente stehen miteinander in Beziehung und Wechselwirkung. Hierbei spielen insbesondere Gruppenvariablen eine Rolle: Rang, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Identifizierung eines Anteils mit anderen Anteilen, Ungerechtigkeiten, Schuld, Richtung der Aufmerksamkeit, … (mehr dazu unter Gruppendynamik)
  • Emergenz („das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) erzeugt Phänomene (Wahrnehmungen der Gestalt)
  • Dynamik: Psychodynamik, Familiendynamik, Gruppendynamik, Emotionsdynamik, Konfliktdynamik… da geht’s ab!
  • Rollen und Anteile: Teamrollen, inneres Team, Ego-States, Rollen der Transaktionsanalyse
  • Zustände: Bestimmte Konfigurationen der Elemente, Beziehungen und emergenten Phänomene sorgen für besondere Systemzustände. Hier ein paar Beispiele in verschiedenen Kontexten:
    Thermodynamik: Materie kann sich je nach Temperatur und Druck in den Aggregatzuständen „fest“, „flüssig“ oder „gasförmig“ anordnen
    Biopsychologie: Ein menschlicher Organismus kann durch einen Angriff in Zustände wie „fight“, „flight“ oder „freeze“ übergehen (Flucht, Kampf oder Erstarren), ansonsten natürlich auch in alltägliche Zustände wie „Harmonie“, „Schlaf“, „Aufregung“, „Depression“, „Verliebt“, „Beschämt“, …
    Gruppendynamik: Eine große Gruppe kann sich in den Zuständen „Konflikt“, „Frieden“, „Euphorie“, „Depression“, „Spaltung“, „Betäubung“ etc. befinden (in quasi allen Kombinationen von Zuständen und Emotionen, die auch Individuen annehmen können)

Jedes System kann nun mit seinen spezifischen Eigenschaften und Konfigurationen dargestellt werden. Wir nennen das „Systemaufstellung“ und je nach konkretem Kontext „Familienaufstellung“, „Organisationsaufstellung“ oder „Teamaufstellung“.

Spielregeln systemischer Aufstellung

Typischerweise geht einer Aufstellung eine Anamnese voraus, in der eine Person ein Anliegen oder Problem beschreibt. Das Ziel der Aufstellung ist es dann das System, in dem dieses Anliegen eingebettet ist, sichtbar werden zu lassen. Die meisten Aufstellungen beziehen sich auf Gruppen, d.h. Teams, Organisationen oder Familien. Prinzipiell können aber auch kleinere oder größere Anteile aufgestellt werden.

  • Mikroskopische, psychologische Aufstellung: innere Anteile einer Person (Ego, Archetypen, Bedürfnisse etc), …
  • Makroskopische Aufstellung: Familiensysteme, gesellschaftliche Parteien, Sub-Systeme eines Ökosystems, Grüppchen, Abteilungen, …
  • Symbolische, abstrakte Aufstellung: Traditionen, Ziele, Projekte, extreme Positionen, Schuld, Gedanken, symbolische Gegenstände, …

Die Aufstellung der einzelnen Elemente des Systems erfolgt stellvertretend durch Menschen oder Gegenstände und erfordert eine konzentrierte, achtsame Moderation. Mitunter können bei Aufstellungen mit betroffenen Menschen starke emotionale Reaktionen auftreten: Weinen, Schreien, Panik, überspielende Heiterkeit, Taubheit. Die durchführende Person sollte daher in der Lage sein, „den Prozess zu halten“, das heißt sich selbst nicht in die auftretenden Dynamiken zu verstricken, sondern präsent und achtsam zu bleiben und sich vom Aufstellungsprozess selbst zu einer konstruktiven Auflösung und Vollendung leiten zu lassen, die diesen starken Emotionen auch gerecht wird und sie integrieren kann.

Nutzen von Systemaufstellungen

  • Ein bisher nicht gelöstes Anliegen wird ans Tageslicht gebracht, ernst genommen, bekommt Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dies allein kann schon zu einer Besserung führen.
  • Erkenntnisse über bislang verborgene Zusammenhänge hinter Symptomen und Problemen und zwar auf eine direkte, unmittelbare und wahrnehmbare Art
  • Im Erfolgsfall: Frieden, Entspannung, Harmonisierung des Systems, Homöostase – Konflikte klären sich, bislang hartnäckige Probleme lösen sich
  • Ein neues, besseres Verständnis über menschliche Systeme und Interaktionsmuster, Gruppendynamik und Transaktionen im allgemeinen und im Zusammenhang mit dem konkreten Anliegens

Funktionsprinzipien

In menschlichen Gruppen, insbesondere Familien, kommt es besonders schnell zu Verstrickungen und unbewussten Übertragungen. Eltern übertragen ihre persönlichen Blockaden und wiederkehrende Verhaltensmuster oft auf ihre Kinder, Traumata können somit vererbt werden. Andererseits findet auch eine Gegenübertragung von Kindern auf ihre Eltern statt. Und im Kontext einer Therapie und einer Aufstellung beeinflussen Übertragung und Gegenübertragung auch permanent das Verhältnis zwischen Klient:in und Therapeut:in. Ungerechtigkeiten in der Gruppe werden oft unbewusst an anderen Stellen ausgeglichen (ein Mitglied wurde zu unrecht ausgeschlossen – ein anderes Mitglied möchte später die Gruppe lieber schnell wieder verlassen, nachdem es unbewusst auf erklärliche Spannungen stößt).

  • Repräsentierende Wahrnehmung – das größte Rätsel in der Funktionsweise von Aufstellungen ist die repräsentierende Wahrnehmung: die in einem System aufgestellten Menschen nehmen plötzlich Emotionen und Gefühle bei sich wahr, die nicht zu Ihnen, sondern zu dem Anliegen gehören. Bislang gibt es keine plausible Erklärung, wie das funktionieren kann, vor allem wenn die Beteiligten über keinerlei Vorwissen über das System verfügen. Durch die repräsentierende Wahrnehmung kann man Aufgestellte über ihre Sicht auf das System befragen und so einer Multiperspektivität des Geschehens bedeutend näher kommen.
  • Gestaltpsychologie – das aufgestellte System wird als „Gestalt“ wahrgenommen. Das bedeutet, was Innen ist, wird nach Außen gekehrt und es gibt eine gewisse Symmetrie zwischen der Psyche des Aufstellenden mit der Aufstellung. Natürlich mitsamt den enthaltenen Lücken, Spannungen und Deformationen. Diese Symmetrie ist eine Grundannahme der Aufstellungsarbeit.
  • Perspektivwechsel und Vertiefung vor allem durch systemische Fragetechniken
  • Wissen über die Eigenschaften menschlicher Systeme
  • Transgenerationale Traumata … diese sind heutzutage auch biologisch nachvollziehbar.

Überblick: das menschliche System aufstellen

  1. Nenne die wesentliche Anteile des Systems
    [innere Anteile eines Menschen, Personen einer Gruppe, Familienmitglieder, emotionale Anteile / Rollen eines Systems, Symptome und Phänomene]
  2. Stelle die Anteile intuitiv auf in der zur Verfügung stehenden Fläche und würdige ggf. die dargestellte Realität. Die Aufstellung der Anteile geschieht durch menschliche Stellvertreter, Holzfiguren, Spielfiguren, Papier als Bodenanker oder als graphische Darstellung.
  3. Analysiere die Aufstellung
    1. Nimm die Phänomene der Konstellation wahr,
      Mit welchen Eigenschaften kannst du die wesentliche Konstellation beschreiben?
      Achte auf Widersprüche, Spannungen, unterdrückte oder ausgeschlossene Anteile, starke Emotionen, unerfüllte Bedürfnisse etc.

      • Bei Gruppenmitgliedern: Rang, Zugehörigkeit (Nähe zu anderen Personen), Identifizierung, Ausgleich von Spannungen und Ungerechtigkeiten, Richtung der Aufmerksamkeit (auf welche Personen richtet ein Mitglied seine Aufmerksamkeit)
      • Bei inneren Anteilen: Bedürfnisse, Emotionen, Glaubenssätze, Integration (inwiefern ist dieser Anteil in der bewussten Persönlichkeit eingegliedert oder verdrängt)
    2. Befrage die einzelnen Anteile in ihrer Position nach ihrem Befinden in dieser Konstellation (intuitiv erste Assoziationen, Bedürfnisse, Befinden, Emotionen, Beziehungsqualität zu anderen Anteilen, Zugehörigkeit)
    3. Untersuche die Aufstellung auf Extreme
      Extreme sind Zustände, in denen sich zentrale Eigenschaften extrem ausprägen, zum Beispiel „Lebensbedrohlicher Konflikt“, „Ausgrenzung“, „stabiler Frieden“
  4. Löse Spannungen auf, indem zum Beispiel verdrängte Anteile anerkannt, geachtet oder ehrlich betrachtet werden. Formuliere ggf. eine auflösende Affirmation gegenüber spannungsbesetzten Anteilen, die auf Liebe, Achtung und Aufrichtigkeit basiert, z. B. „Ich achte deine Entscheidung“, „Ich gebe dir die Ehre“. Die Wirkung sollte überprüft werden, ggf. wird die „Lösungsformel“ mehrfach wiederholt, um die Wirkung zu verstärken.
  5. Finde einen realistischen stabilen Zustand, den das System zukünftig einnehmen kann,
    indem du die Aufstellung anhand der zentralen Phänomene und Spannungen so lange variierst, bis sich Harmonie, „Ordnung“, Ausgleich und damit Stabilität und Frieden einstellt.

Die finale Konstellation kann dann schriftlich festgehalten werden. Im besten Fall ergibt sich allein durch die Erkenntnis, die in der Aufstellung entwickelt wird, eine positive Veränderung. Ansonsten wird unterstützend durch weitere Coaching-Methoden ein positiver Entwicklungsprozess gefördert.

Grundmuster & Ränge

  • Eltern haben einen höheren Rang als ihre Kinder
  • Je länger eine Person einer Gruppe zugehörig ist, desto höher ist ihr Rang
  • Ungerechtigkeiten, Schulden, Verdrängung und Ausgrenzung sorgen für ein Ungleichgewicht, welches an anderen Stellen ausgeglichen werden möchte
  • Unaufgelöste Spannungen werden durch liebevolle Suggestionen von Anerkennung, Achtung und liebevolles Mitgefühl gemildert
    (biologisches Korrelat: im Gehirn wird Oxytocin ausgeschüttet, welches für Entspannung und harmonische Gefühle sorgt,
    historisches Korrelat: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«, »All you need is love.«)

Achtung: Don’t fake it – & take it with a grain of salt.

Aufstellungen sind zunächst einmal einfach nur eine Methode zur Visualisierung einer möglichen Systemkonfiguration. Quasi eine vereinfachte Darstellung des psychosozialen Systems. Da es sich dabei um menschliche, subjektive Themen handelt, lauern ein paar Gefahren in dieser Arbeit.

Kritik an systemischen Aufstellungen

  1. Aufstellungen werden in der Praxis zumeist für und mit Menschen durchgeführt, die akut von psychischen Belastungen und Konflikten betroffen sind. Diese Personengruppe ist naturgemäß anfällig für Vereinfachungen, Manipulation und kognitive Verzerrungen.
  2. Es gibt keine solide wissenschaftliche Grundlage für die Aufstellungsarbeit, geschweige denn qualitätsgesicherte Ausbildungen.
  3. Im Bereich der Familienaufstellungen tummeln sich unter den Anbietern guruartige, autoritäre Persönlichkeiten. Eine selbstkritische Reflexion wird manchmal gar abgelehnt und verhindert. Eine besonders umstrittene Persönlichkeit war Bert Hellinger, der wesentlich zur Verbreitung und Bekanntheit des Familienstellens beigetragen hat: er ging sehr provokativ und rasch urteilend vor, wenn er Aufstellungen durchführte, weit abseits politischer Korrektheit oder schonender Kommunikation. Das hat allerdings auch seinen Sinn: durch Provokationen werden Menschen aus ihren pathologischen Mustern herausgeschubst. Aber es bleibt ein riskantes Unterfangen und damit den Weisen vorbehalten. Sein klassisches Werk heißt „Ordnungen der Liebe“, welches rein aus Protokollen einer Aufstellungsgruppe besteht.
  4. Die Stellvertreterwahrnehmung unterliegt Suggestion, Manipulation und Fehlinterpretation, unter anderem dem
    • Barnum-Effekt: schwammige Aussagen werden als wahr akzeptiert
    • Confirmation Bias: Menschen tendieren dazu, ihre mitgebrachten Befürchtungen und Glaubenssätze bestätigen zu wollen.
    • Group Think: Was die Gruppenmehrheit als wahr ansieht, kann die Deutungsmehrheit behalten, auch wenn es abweichende Interpretationen gäbe
    • und vielen mehr …
  5. Fake: manch unsichere Aufsteller und Stellvertreter laufen Gefahr, lieber ein „interessantes“ Phänomen zu inszenieren als eine langweilige, aber vielleicht realistischere Konstellation und Wahrnehmung wiederzugeben.

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