[5 Fehler] Systemisches Coaching Kritik + wissenschaftliche Einordnung

In diesem Artikel übe ich am Konzept Systemisches Coaching Kritik, die fundamentale Schwachstellen an der Verbreitung und Ausübung aufzeigt. Zur Auflösung schlage ich eine wissenschaftliche Einordnung vor und zeige eine Orientierung an den verwandten Ansätzen „Schulbildung“ und Psychotherapie auf, welche bereits empirisch fundiert sind.

Systemisches Coaching Kritik: 5 Schwachstellen

1. Systemisches Coaching ist schlecht definiert.

Definition: Systemisch ist die Cousine dritten Grades des Seifenschaums von Atlantis.

Was heißt systemisch und ist es gut verdaulich? Mit etwas Pfeffer und Salz ist es schon irgendwie bekömmlich, aber befriedigend satt wird man davon sicherlich nicht.

Es geht irgendwie um Systeme und dabei macht man Coaching, was auch nicht klar definiert ist. Meistens geschieht es durch reden. Manchmal aber auch durch Nicht-Reden, z.B. wenn es um Achtsamkeit geht.

 

2. Systemisches Coaching ist nicht qualitätsgesichert

Etwas, das nicht definiert ist, kann auch nicht qualitätsgesichert sein. Es wird aber nach meiner Wahrnehmung auch nicht ernsthaft probiert. Wenn man erstmal 6000 € für eine Ausbildung bezahlt hat, die nur ein paar Wochenenden lang geht, möchte man es hinterher aber auch nicht mehr hinterfragen.

 

3. Systemisches Coaching ist ein Placebo – hoffentlich.

Es gibt keinen Wirkungsnachweis für Coaching – und daher ebensowenig für systemisches Coaching. Die meisten Wirkungsbelege sind subjektive Erfolgsberichte. Für einen validen Wirkungsnachweis bräuchte es eine randomisierte Kontrollstudie – d.h. die Studienteilnehmer werden zufällig in mindestens zwei Gruppen eingeteilt, in der eine Versuchtsgruppe die Behandlung „Coaching“ erhält und eine Kontrollgrupe nichts oder ein Placebo. Wenn die Versuchsgruppe eine signifikant bessere Wirkung bezogen auf ein Problem erfährt, kann man von einer Wirksamkeit der Behandlung ausgehen.

Für Coaching konnte so ein Effekt bisher nicht nachgewiesen werden.

Das beste, was man Coaching daher unterstellen kann, ist, dass es ein Placebo ist – d.h. es hilft den Leuten, weil sie daran glauben, dass es ihnen hilft.

Im Einzelfall kann dies natürlich unterschiedlichste Dinge bedeuten und trotzdem Menschen das Leben retten. Es ist nur einfach nicht systematisch von dem Produkt „Coaching“ zu erwarten, sondern stark abhängig von individuellen Faktoren wie z.B. dem Coach-Coachee-Verhältnis.

Mehr dazu unter „Law of Attraction“.

4. Es gibt kein validiertes Modell für systemisches Coaching

Da es keinen Wirkungsnachweis gibt für systemisches Coaching, kann auch kein Modell dazu validiert werden. Ein gutes Modell ist gekennzeichnet durch eine hohe Erklär-Power, Vorhersagbarkeit von Resultaten, falsifizierbaren Hypothesen. Folgendes Prozess-Schema zeigt den eigentlichen Ablauf einer Modell-Bildung:Molecular simulation process

5. Im Extremfall ist Systemisches Coaching Scharlatanerie

Auf dem Markt tümmeln sich jede Menge diffuse Angebote unter dem Systemischen Coaching – Begriff. Im Extremfall werden da Quantengeister verwirkicht, Wiedergeburten erlebt und verstorbene Ahnen getroffen. Das ist immerhin amüsant.

Wenn es vielleicht noch immer nicht gesundheitlich schadet, ist es mindestens ein Vergehen an der Aufklärung der geistigen Klarheit.

 

Welche Ideen im systemsichen Coaching trotzdem wertvoll sind

Ohne mich hierbei auf die – eben nicht vorhandenen – Studien stützen zu können, bieten nach meiner persönlichen Wahrnehmung der Absolventen und Dozenten von Systemischen Coaching – Ausbildungen häufig eine oder mehrere der folgenden als positiv zu deutenden Kennzeichen:

  • Aufmerksamkeit für den Coachee durch den Coach ermöglicht Wertschätzung und Anerkennung.
    Anerkennung ist ein wichtiges Bedürfnis vieler Menschen, welches seit der Industrialisierung und Zweckrationalisierung der menschlichen Arbeit systematisch vorenthalten wird. Durch die möglichst neutrale Aufmerksamkeit für den Coachee bekommt dieser Raum und Bestätigung für sein Dasein, Fühlen und Denken. Dies kann gedeutet werden als „Aussteigen aus negativen kognitiven Mustern“.
  • Perspektivwechsel sind ein wesentlicher Bestandteil der Idee, dass es in dem System des Cochees viele mögliche Sichtweisen, Handlungsmöglichkeiten und Bedürfnisse gibt. Dies erhöht die Möglichkeiten einer Auflösung verengter Sichtweisen und festgefahrener Verhaltensmuster.
  • Weiterbildung: Auch in der saloppesten Ausbildung sollten zumindest Ansätze wissenschaftlich fundierter Bildung zu erleben sein, angefangen bei Kommunikationspsychologie, aufgehört bei Informationstheorie, Kybernetik und Komplexitätstheorie.

 

Auflösung: Was ist Systemisches Coaching, wenn es richtig gemacht wird?

»Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird.«
Woody Allen

»Systemisches Caoching ist nur wissenschaftlich orientiert, wenn es richtig gemacht wird.«
Karl Hosang

Um eine Arbeitsdefinition nachzuschieben, definiere ich hier aus einer eher Informationstheoretischen Sichtweise die begriffe Coaching, systemisch und systemisches Coaching.

Definition »Coaching«: Coaching ist eine Form des Informationsaustausch zwischen Coach und Coachee, der durch den Coach reguliert wird, um ein Problem des Coachees zu lösen. Erfolgreiches Coaching löst demnach tatsächlich ein Problem.

Definition »Systemisch«: Eine geistige und kommunikative Interaktion ist systemisch, wenn sich der Geistesinhalt und die Sachebene auf eine Meta-Perspektive des Problems beziehen, in der das Problem eingebettet in das größere, zumeist komplexe menschliche und soziale, System bezieht. Konkret ist das menschliche System meist die Psyche, Seele und der individuelle menschliche Geist bzw. das Nervensystem als biologische Grundlage. Das soziale System bezieht sich auf das soziale Umfeld in Form von Familie, Freundeskreis, Arbeitsumfeld und Gesellschaft.

Definition »Systemisches Coaching«: Systemisches Coaching ist der durch den Coach regulierte Informationsaustausch, orientiert am Problem des Coachees, indem das Problem eingebettet in den komplexen Systemen „Mensch“ und „Gesellschaft“ betrachtet wird und daraus Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für die Problemlösung hergeleitet werden.

 

Komplexe Systeme als Antwort

Für eine sinnvolle Interpretation von »Systemischem Coaching« ist also nach meiner Auffassung eine Beschäftigung mit der Natur komplexer Systeme notwendig.

komplexe-menschliche-soziale-systeme-design-thinkingDie Zusammenhänge habe ich in einem extra-Artikel über komplexe menschliche System dargelegt und für die methodische Anwendung als Coach, Trainer, Berater und Lehrer ausformuliert.

 

Lernforschung und Psychotherapie als wissenschaftlich fundierte Approximation für Systemisches Coaching

Wirksamer Unterricht: Lernerfolg mit Hattie in Seminaren, Schulen, Universitäten

Die Hattie-Studie [1] fand in einer großen Meta-Analyse von Lernstudien u.a. folgende Erfolgsfaktoren für Lernen in Schulen. Diese sind natürlich nicht 1:1 übertragbar für Erwachsenenbildung, aber die grundsätzliche Bedeutung der Faktoren dürfte erhalten bleiben.

Hattie-Studie-Lehrer-Lernerfolg-Faktoren-Rating-Lernen-Trainer-Coaches-Erfolg-Was ist wichtig

  1. Feedback, allgemein 0,73
    der SuS an sich selbst (Selbsteinschätzung) 1,44
    von Lehrern an Lehrer (Micro-Teaching) 0,88
    über den Unterricht (Evalutation) 0,9
  2. Klarheit der Lehrperson 0,75
  3. Lehrer-Schüler-Beziehung 0,72
  4. Kreativitätsförderung 0,65
    Problemlösen 0,61

Zur Erklärung: die Hattie-Studie hat insgesamt 252 Einflussgrößen gewertet, der durchschnittliche Effekt lag bei 0,4. Alle Faktoren stärker als 0,4 gelten damit als besonders wirksam.
Zum Vergleich: schulunabhängige Faktoren wie der sozioökonomischer Status (0,57) erwiesen sich als deutlich ausschlaggebender als viele allgemeine Schulfaktoren (Hausaufgaben 0,29, Inklusion 0,29, Klassengröße 0,21).

Wirkprinzipien der Psychotherapie

Zwar gehen die allerwenigsten Seminare so tief wie eine fundierte Psychotherapie – dennoch ist Psychotherapie besonders gut etabliert, wenn es um menschliche Entwicklungsprozesse geht und daher ein gutes Vorbild für alle Trainer & Seminar-Leiter, die nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch menschliche Entwicklung begleiten.

Eine Analyse empirischer Ergebnisse kam zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung von Therapie-Klienten zu folgenden Anteilen zurückzuführen ist auf vier Faktoren [2]:

  • 40 % durch extratherapeutische Faktoren sowie die persönlichen und Umfeldbedinungen des Klienten,
  • 30 % durch die Therapeut-Klient-Beziehung,
  • 15 % durch die Therapieform und
  • 15 % durch die Motivation und Erwartung (selbsterfüllende Prophezeihungen)

Von den verschiedenen Therapieschulen ist Verhaltenstherapie zwar am wenigsten fantasievoll, dafür aber am besten empirisch belegt. Biologisch lässt sich die Wirksamkeit zurückführen auf Konditionierung durch Belohnung und Bestrafung.

Dies ist also letztlich auch der Benchmark für die Wirksamkeit von Coaching-Interventionen.

Systemische Therapie als gut belegte Methode in der Psychotherapie

Während Systemisches Coaching eher der ostfriesischen Kräuterkunde entstammt, ist die Systemische Therapie hingegen sehr gut wissenschaftlich belegt für therapeutische Themen, in denen ein starker Einfluss des familiären Umfelds zu erwarten ist.

Während Psychotherapeuten eine ca. 10-jährige Ausbildung mit staatlicher Prüfung absolvieren, können diese Belege und Qualitätskriterien mitnichten auf die gemeinen Wald- und Wiesenexemplare des systemischen Coachings übertragen werden.

Methoden aus der systemischen Therapie:

Tiefer Einsteigen in Coaching und Lernprozesse

In meinem Seminar »Systemisches Design Thinking« in Berlin / Online benutze ich gleich zwei schlecht definierte Konzepte, Systemisches Coaching und Design Thinking, um sie dennoch darin wohldefiniert als denkbar allgemeinsten Ansatz für die systematische und kreative Arbeit mit menschlichen Problemen und Herausforderungen.

Quellen:

[1] Hattie, John (2009): Visible Learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London.

[2] T. Asay, M. Lambert: Empirische Argumente für die allen Therapien gemeinsamen Faktoren: Quantitative Ergebnisse. In: M. Hubble, B. Duncan, S. Miller (Hrsg.): So wirkt Psychotherapie. Empirische Ergebnisse und praktische Folgerungen. Verlag modernes Leben, Dortmund 2001, S. 41–81.