Crashkurs: Psychologie lernen

Die Psychologie verbindet die naturwissenschaftliche Realität des Menschen als biologischer Organismus mit dem subjektiven Erleben des Geistes und als soziales Tier. Auf der einen Seite ist der Mensch im Laufe der Evolution als Säugetier, Menschenaffe in Rudeln zum Homo Sapiens geworden. Auf der anderen Seite können wir als einzige Lebewesen unsere Existenz bewusst reflektieren, Werkzeuge entwickeln, um die Umwelt zu gestalten und daraus komplexe bewusste Gesellschaften zu organisieren.

In diesem Artikel richte ich mich an all diejenigen, die mit Menschen arbeiten, die aber bisher nicht ausführlich Psychologie studiert haben. Zum Beispiel Coaches, Lehrer, Berater, Führungskräfte, Personaler, Sozialarbeiter… ihnen kann Wissen um Psychologie nutzen, um die Menschen, mit denen sie arbeiten, besser zu verstehen und unterstützen.

  • Persönlichkeitspsychologie – Was macht das Individuum aus?
  • Entwicklungspsychologie – Die Veränderung des Organismus, der Persönlichkeit und der Psyche im Laufe der Zeit
  • Kommunikationspsychologie – Alles, was den Informationsaustausch zwischen Menschen betrifft.
  • Arbeits- und Organisationspsychologie – der Mensch als Teil einer organisierten Gruppe, in der Arbeit mit Unternehmen
  • Klinische Psychologie – Dieser Bereich ist reguliert: nur Ärzte und Psychotherapeuten dürfen mit psychischen Krankheiten arbeiten. Aber auch wenn alle anderen nicht mit psychischen Krankheiten arbeiten (dürfen), ist ein Grundwissen über Psychodynamik und Pathologien hilfreich, da auch alle gesunde Menschen in milden Grauschattierungen verwandte Probleme erleben. Diesem Teil widme ich hier nicht, er ist den staatlich regulierten Heilberufen vorbehalten. Ich empfehle dennoch einen Blick auf das ICD10, das DSM und die OPD, um ein grundsätzliches Verständnis von psychischen Pathologien zu ermöglichen. Im Zweifelsfall gilt immer, dass Klienten einen Arzt konsultieren sollten, wenn es Anlass zur Sorge um die geistige oder körperliche Gesundheit gibt.

In diesem Artikel gebe ich einen schnellen und groben Überblick über diese Gebiete der Psychologie, die aus meiner Erfahrung besonders viel Wert bieten in der konkreten Arbeit mit Menschen.

Die Lektüre setzt eine gewisse Auffassungsgabe voraus – und natürlich Geduld und Muße für den Abgleich mit den eigenen Erfahrungen und das kritische Hinterfragen. Psychologie ist eine noch relative junge Wissenschaft – das empirische Gerüst ist im Vergleich zu klassischen Naturwissenschaften immer noch relativ wackelig und sortiert sich erst noch Stück für Stück zusammen zu einem einheitlichen Bild.

Effektiv im Crashkurs Psychologie lernen

Wenn du explizit mit Menschen arbeitest, ist ein grundsätzliches Verständnis über Psychologie sehr wertvoll – auch wenn es sehr gute Lehrer, Weise und Berater gibt, die nie eine konventionelle psychologische Ausbildung genossen haben. Weder Jesus, Buddha noch Rumi konnten auf unser modernes psychologisches Wissen zurückgreifen, aber haben durch die Arbeit mit sich selbst und anderen Menschen einen tiefen Einblick in die Seelen der Menschen gewonnen – und anderen ermöglicht.

Speed Learning Psychologie

Um schnell viel über Psychologie zu lernen, empfehle ich dir folgendes Vorgehen:

  1. Ziel setzen: Formuliere zumindest ein vages Ziel dafür, was du mit dem Wissen über Psychologien anfangen möchtest… anderen Menschen besser helfen? dich selbst verstehen? Schlauer dastehen? Selbstbewusstsein aufbauen?
    Schreibe ein Ziel auf.
  2. Scannen: Überfliege die jeweiligen Themen und stöbere herum in Fachartikeln, Blogs, Wikipedia, Büchern, TED Talks etc. Folge dabei einfach deiner Neugier, aber behalte auch das Ziel im Auge.
  3. Action Learning: Versuche, etwas mit dem Wissen anzufangen – sei es ein eigener Artikel dazu, eine Mindmap, ein Bild oder ein Vortrag vor Freiwilligen.

Mit dieser Haltung gebe ich nun einen sehr groben Überblick mit Links zu den Themen, die ich in meiner Arbeit als wichtig für das Verständnis von und die Arbeit mit Menschen erachte.

Psychologie als angewandte Biologie

Wir Menschen sind Säugetiere, ein Produkt der Evolution und den Naturgesetzen unterworfen. Unser Gehirn ist ein sehr, sehr komplexes Gebilde – komplexer als alles andere, was wir im Universum kennen. Daher gibt es auch so unfassbar besondere Phänomene im menschlichen Erleben, die uns so besonders vorkommen, dass es kaum zu glauben ist, dass sie doch letztlich auf die Funktion unseres Nervensystems zurückzuführen sind.

Aus dieser Feststellung ergeben sich ein paar Grundannahmen für die Psychologie aus naturwissenschaftlicher Sicht, die in der Arbeit mit Menschen wichtig werden.

Grundannahmen Psychologie aus naturwissenschaftlicher Sicht

  1. Der Mensch ist ein Säugetier, bestimmt durch Naturgesetze, insbesondere die Biologie der Säugetiere, und hat sich in Ko-Evolution mit seinem ökologischen Umfeld zu der heutigen Form entwickelt.
  2. Die Psyche ist eine komplexe emergente Funktion des Nervensystem mit den typischen Eigenschaften komplexer Systeme. Die die menschliche Psyche…
    • verändert sich dynamisch,
    • hat verschiedene Meta- und Funktionsebenen und
    • kann unterschiedliche Zustände einnehmen (zum Beispiel Ekstase, Panik, Gelassenheit, Trance).
  3. Das Nervensystem nimmt Reize aus der Umwelt wahr, verarbeitet sie bewusst (kognitiv) oder unbewusst und entwickelt Reaktionen darauf.
  4. Die Grundbausteine der Psyche sind psychologische Ressourcen in Interaktion mit äußeren materiellen und sozialen Ressourcen. Jegliche erlernte Fähigkeit und jegliche neuronale Möglichkeit des Gehirns kann eine Ressource sein. Daraus ergibt sich ein Meer an Ressourcen im Nervensystem, welches zum Beispiel über die Entropie als Informationssystem oder thermodynaisches System beschrieben werden kann …mehr dazu.
  5. Die Psychodynamik lässt sich beschreiben als das Prozess der Reizverarbeitung und Integration von Spannungen, welche durch Interaktion mit der sozialen oder physischen Umwelt sowie in Interaktion mit sich selbst entstehen können.
  6. Lernen geschieht, indem das Nervensystem bestrebt ist, Reize möglichst effizient zu verarbeiten und sich in Homöostase zu stabilisieren und dafür, wenn möglich, die nötigen Ressourcen aufzubauen. Es gibt dafür eine Neuroplastizität: das Gehirn passt sich stetig den erlernten Erfordernissen an …mehr dazu.
  7. Menschen kommunizieren, indem sie über alles Sinneskanäle Informationen austauschen, mit der Umwelt, mit anderen Menschen und speziell mit sich selbst.

Unsere Seele, die einzigartige Innenwelt

Opern, Weltkriege, Shit-Storms im Internet, wissenschaftliche Theorien, Ehekonflikte, Bestseller – letztlich sind alle menschlichen Produkte im wesentlichen eine Ausdrucksform des psychologischen Erlebens. Denn eins steht fest:
ohne Nervensystem kein Geist, keine Emotionen, keine Wünsche, keine Träume, keine Kreativität.

Um die Psychologie des Menschen zu verstehen, brauchen wir also immer auch ein Verständnis der Biologie des Menschen und des Nervensystems.

Zu folgenden Themen haben wir weitere vertiefende Artikel niedergeschrieben:

  1. Wie entstehen aus dem komplexen Netzwerk von Neuronen emergente Phänomene wie Gedanken, Erinnerungen, innere Bilder?
  2. Wie ermöglicht das Gehirn Ideen und kreative Problemlösungen?
  3. Seelische Verletzungen haben eine besonders starke Wirkung die Dynamik der Psyche, denn sie können sich verselbstständigen, sensibilieren und übermäßige Veränderungen des Denkens, Fühlens und Verhaltens auslösen. Ein Verständnis dafür ist möglich mit einem Blick auf Trauma aus Sicht der Neurobiologie und die Auswirkungen von Trauma auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Persönlichkeitspsychologie

Was macht einen Menschen aus? Worin unterscheidet sich Menschen voneinander? Sind Menschen einzigartige Seelen – oder doch eher ein schlichtes Konstrukt ihrer Zeit und ihres Umfelds?

4 Quadranten eines menschlichen Systems

4 Quadranten Psychologie

Ebenen der Persönlichkeit

…ich sortiere die geistigen Ebenen meist in der Visionspyramide. Die wesentliche Schwierigkeit im Verständnis von und der Arbeit mit den Ebenen der Persönlichkeit, besteht darin, überhaupt eine passable Wahrnehmung und Kommunikation über die Phänomene auf dieser Ebene zu entwickeln. Gewaltfreie Kommunikation ist das Mittel der Wahl, um eine Sprache über die persönlichen Realitäten zu ermöglichen.

Persönlichkeits-Typologien

Was unterscheidet eine Persönlichkeit von einer anderen? Dafür gibt es Typologien, die Menschen nach Eigenschaften wie Extraversion, Neurotizität oder Gewissenhaftigkeit unterscheiden.

Nach meiner Erfahrung sind sie ein netter Gesprächseinstieg… Wie ticke ich, wie tickst du?
Allerdings sind sie oft nicht wirklich aussagekräftig, da die intraindividuellen Schwankungen im Laufe der Zeit stärker sind als die Unterschiede zwischen Personen.

  • Big Five (einziger wissenschaftlich anerkannte Typologie aufgrund statistischer Analysen von signifikanten Persönlichkeitseigenschaften)
  • Meyer-Briggs: vermarktet über die 16 Persönlichkeitstypen mit so putzigen Abkürzungen wie ENFP oder ENFJ, welche für die Ausprägungen der Persönlichkeitsdimensionen stehen: Extroversion, Intuition vs. Außenwahrnehmung, Denken vs. Fühlen, Wahrnehmen vs. Bewerten.
    — wissenschaftlich nicht anerkannt, da keine stabilen Unterscheidungen in der Realität nachweisbar sind.  
  • DISG: Unterscheidet die vier Typen als dominant, initiativ, stetig, gewissenhaft.
    — wissenschaftlich nicht anerkannt, da keine stabilen Unterscheidungen in der Realität nachweisbar sind.  
  • Astrologie unterscheidet 12 Sternzeichen.
    — wissenschaftlich nicht anerkannt, da keine stabilen Unterscheidungen in der Realität nachweisbar sind.  
  • Belbin Team Rollen
  • Spiral Dynamics Ebenen

Kritik an den Typologien: Der Barnum-Effekt ist eine kognitive Verzerrung beschreibt die Tendenz von Menschen, schwammige pauschale Persönlichkeitsbeschreibungen als zutreffend wahrzunehmen, auch wenn sie statistisch nicht unterscheidbar sind.

Entwicklungspsychologie

Hier geht es zunächst um die biologische und darauf aufbauend auch die psychische Entwicklung des Menschen, geprägt durch Genetik und Erziehung (nature vs. nurture).

Für Coaches, Pädagogen und Therapeuten besteht die Arbeit vor allem darin, erwachsene Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten und zu fördern – hinzu einer integrierten, reflektieren Persönlichkeit – bzw. hin zu einem seelischen Gleichgewicht.

Eine zentrale Landkarte dafür bietet Spiral Dynamics, aber auch:

Kommunikation

Kommunikation ist der Austausch von Informationen zwischen Menschen.
Coaching basiert darauf, dass du mit deinem Coachee kommunizierst – und hat meist zum Ziel, dass dein Coachee mit sich selbst und seinen Mitmenschen klar kommuniziert… dafür hilft es also, wenn auch du als Coach so klar wie möglich kommunizierst – in deinem Zuhören, Fragen, Anleiten, Lehren – und Coachen.

Wenn wir Coaching verstehen als die Hilfe zur Selbsthilfe, dann benutzt du jegliche Kommunikationsmittel, um deinem Coachee zu seinem Entwicklungsziel zu verhelfen.

Mehr dazu:

Arbeits- und Organisationspsychologie

Viele Menschen identifizieren sich mit ihrer Arbeit und erleben dort wesentliche Herausforderungen, die für ein Coaching relevant sind. Also solltest du ein grundlegendes Verständnis haben über A&O-Psychologie, insbesondere über die folgenden Themen:

Wenn du deine Karten richtig ausspielst, kannst du nicht nur Menschen helfen, mit ihrer Arbeit klar zu kommen, sondern auch mit den Teams & Unternehmen selbst arbeiten bzw. den Menschen in ihrem Arbeitskontext. Unternehmen können typischerweise mehr bezahlen als Einzelpersonen und sind daher attraktiv als Klienten.



Ausbildung Systemisches Coaching

In einer strukturierten Online-Ausbildung lernst du alles, was du als Systemischer Coach wissen musst. Von Methoden, Fragetechniken, Systemen, Interventionstechniken, psychologischen Ansätzen und dem wissenschaftlichen Fundament ist alles dabei. Nach Abschluss erhältst du natürlich ein Zertifikat.