Paradoxe Intervention [mit Anleitungen]

Methoden der Paradoxen Intervention

  • Symptomverschreibung (Nägelkauen)
  • Verbünde dich mit dem Symptom (Ruth)
  • paradoxe Intention – Wünsche dir das Problem herbei!
  • Konfrontation & Provokation (Exorzierung)
  • Reframing / Umdeutung (nervöser Schüler)

Anleitung zur paradoxen Intervention durch Symptomverschreibung

  1. Erkenne das dysfunktionale Verhalten: z.B: übermäßiges Essen, Rauchen, Nägelkauen, Aggression
  2. Steigere das dysfunktionale Verhalten und verordne es: z.B: „Kaue nun 1 Stunde lang an deinen Nägeln“
  3. Hilf der Integration: Wenn möglich, unterstütze hinterher den Prozess zur Rückkehr zum funktionalen Verhalten (z. B. Nagellack schenken)

Reframing-Übung zur Utilisation

Vorgehen: Finde die Ressourcen hinter einer Schwäche und kanalisiere sie in eine sinnvolle Richtung (Utilisation).
Voraussetzung: Bleibe in einem möglichst konzentrierten & entspannten Mindset, sodass du genug Kapazität für kreative Impulse hast.

  1. Erkenne das Problem.
    Bsp: Schüler stört den Physik-Unterricht, indem er zappelt und durch die Gegend läuft.
  2. Suche nach einem dahinterliegendem Impuls.
    Bsp: Schüler ist angespannt und weiß nicht wohin mit der Spannung und hat vielleicht einfach einen großen Bewegungsdrang.
  3. Ressource identifzieren: Welche Form von Energie stellt der Impuls zur Verfügung?
    Bsp: Kinetische Energie – Schüler kann verschiedene Orte aufsuchen.
  4. Reframing: Wähle einen positiven Rahmen (Framing), in dem die Energie sinnvoll sein kann. In welchem Kontext könnte das Problem oder diese Energien nützlich sein?
    Bsp: Schüler kann Bewegungen ausführen, die dann physikalisch untersucht werden können. Oder er kann die Umgebung analysieren.
  5. Kanalisiere die Ressource in eine für den gewünschten Prozess sinnvolle Richtung.
    Bsp: Schüler soll 4 x um die Schule laufen. Schüler B soll den Weg messen und die Zeit stoppen. Daraus kann eine Bewegungskurve erstellt werden, Geschwindigkeiten berechnet und kinetische Energie berechnet werden.

Jede paradoxe Intervention ist Utilisation

Kurzgesagt: Utilisation bedeutet, sämtliche Ressourcen eines Menschen zu nutzen. Damit fällt unter Utilisation (von lat. utilis = brauchbar; als Verb utilisieren) sogar der Prozess, Neurosen und negative Glaubenssätze in das Coaching oder die Therapie mit einzubeziehen, statt sie zu bekämpfen. Durch das Mindset der Utilisation kann ich im Extramfall die Blockaden selbst benutzen, um sie aufzulösen.

Utilisation im Coaching ist vergleichbar mit dem Kampfsport Aikido: anstatt einem Angriff eine Gegenkraft aufzubringen, ist es viel eleganter die Energie des Gegners zu nutzen.

Jede paradoxe Intervention baut darauf auf, dass es im menschlichen System genug Ressourcen gibt, die aktiviert werden können, auch wenn das sichtbare Verhalten absurde Züge annimmt.

>> Utilisation – Probleme werden Freunde

Beispiel für Paradoxe Intervention: Die Geschichte von Ruth

Milton Erickson erzählte die Geschichte von Ruth, einem zwölfjährigen, sehr liebenswürdigem Mädchen in der Psychiatrie. Die alten Schwestern warnten die neuen Krankenschwestern stets vor ihr: sie reiße einem die Kleidung vom Leib oder bricht einen Arm oder einen Fuß. Und tatsächlich, nahm Ruth neue Schwestern schnell für sich ein und bat sie dann z.B. ein Eis zu holen. Sie nahm das Eis und bedankte sich, und trat dann aber zu, sprang auf den Fuß oder zerrte an der Kleidung. Für Ruth war das Normalität.

Erickson besprach sich mit dem Leiter der Anstalt, denn er hatte eine Idee, und holte sich grünes Licht für sein Vorhaben. Eines Tages kam ein Anruf: Ruth ist schon wieder am Durchdrehen. Erickson ging sofort in die Abteilung. Ruth hatte den Putz aus den Wänden gerissen und ihren Schlafanzug zerfetzt.

Erickson ging hin und half ihr, das Bett zu zerstören. Er schlug mit ihr Scheiben ein, sie verbogen Rohre und brachen alle möglichen Dinge ab. Alsbald sah Erickson sich im Raum um und sagte: „Ruth, hier im Raum gibt es nichts mehr, lass uns in einen anderen Raum gehen.“ Ruth sagte: „Sind sie sicher, dass Sie das tun dürfen, Dr. Erickson?“ „Klar, ist doch ein Riesen-Spaß, oder nicht?“

Als sie dann den Korridor entlang liefen, begegneten sie einer Schwester. Erickson riss ihr die Uniform vom Leibe, sodass sie nur noch in BH und Unterhose da stand. Und Ruth sagte: „Dr. Erickson, sowas macht man nicht.“ Sie rannte in den Raum und holte Bettlaken und gab sie der Krankenschwester. Seitdem war Ruth ein liebes Mädchen. Die Krankenschwester war natürlich eingeweiht…

Utilisation: Erikson nutzte die Solidarität unter Frauen und ihren bisher verborgenen Hilfs-Instinkt. Das Beispiel von Ruth zeigt nicht nur Utilisation, sondern auch eine paradoxe Intervention. Statt ihr Verhalten zu verurteilen, geht er in Allianz mit ihr, konfrontiert sie mit ihrem Verhalten und übertreibt es noch. Weil Erickson ihr Verhalten spiegelt, sieht sie die Wirkung ihres Verhaltens klarer, muss selbst nicht mehr die Aggression aufrecht erhalten und entwickelt Mitgefühl für die Krankenschwester. Diese Lösung ist natürlich radikal, aber wenn sie klappt, effektiv.

Beispiel: Geschichte einer Exorzierung durch Konfrontation

Der Schulleiter eines nahe gelegenen Dorfes kam mit einem seiner Assistenten eilig angerannt, um Ajahn Chah um Hilfe zu bitten.Eine der Dorffrauen war am Abend zuvor von einem gewalttätigen und bösen Geist besessen worden. Sie konnten ihr nicht helfen, also brachten sie sie zum berühmten Mönch. Während sie mit Ajahn Chah sprachen, war ein Schreien zu hören.

Ajahn Chah befahl sofort zwei Novizen, ein Feuer zu machen und etwas Wasser aufzukochen. dann sagte er zwei weiteren Novizen, sie sollten ein großes Loch in der Nähe seiner Hütte graben. Keiner der Novizen wusste warum.
Vier starke Dorfmänner, zähe Reisbauern, konnten die sich windende Frau kaum fassen. Als sie sie durch eines der heiligsten Klöster zerrten, schrie sie mit den derbsten Schimpfwörtern.
Ajahn Chah sah sie und bellte die Novizen an: „Grabt schneller! Bring das Wasser zum Kochen! Wir brauchen ein großes Loch und viel kochendes Wasser.“

Nicht einmal die Mönche und Dorfbewohner unter Ajahn Chahs Hütte ahnten, was er vorhatte.
Als sie die schreiende Frau unter Ajahn Chahs Hütte zogen, schäumte sie buchstäblich vor dem Mund. Ihre blutroten Augen weiteten sich vor Wahnsinn. Und ihr Gesicht nahm verrückte Verrenkungen an, als sie grobe Obszönitäten nach Ajahn Chah schleuderte. Weitere Männer machten mit, um die spuckende Frau festzuhalten.
„Ist das Loch schon gegraben? Schnell! Ist das Wasser gekocht? Schneller!“ Ajahn Chah übertönte das Schreien der Frau. „Wir müssen sie in das Loch werfen. Gießt das kochende Wasser über sie. Dann begrabe sie. Nur so kann man diesen bösen Geist loswerden. Schneller graben! Noch mehr kochendes Wasser!“
Wir hatten aus Erfahrung gelernt, dass niemand sicher sein konnte, was Ajahn Chah tun könnte. Er war selbst Unsicherheit in Form eines Mönchs. Die Dorfbewohner dachten sicherlich, er würde die besessene Frau in das Loch werfen, sie überall mit kochendem Wasser verbrühen und sie begraben. Und sie würden ihn aus Überforderung gewähren lassen. 
Das muss die Frau auch gedacht haben, denn sie begann ruhig zu werden.

Bevor das Loch fertig war und bevor das Wasser gekocht wurde, saß sie ruhig in der Ruhe der Erschöpfung vor Ajahn Chah und erhielt anmutig einen Segen, bevor sie sie sanft nach Hause führten.

Brillant: Ajahn Chah wusste, dass jeder von uns, besessen oder einfach nur verrückt, etwas Mächtiges in sich hat, das Selbsterhaltung genannt wird. Er drückte geschickt und sehr dramatisch den Selbsterhaltungsknopf in ihr und ließ die Angst vor Schmerz und Tod den Dämon, der sie besaß, austreiben.
Das ist Weisheit: intuitiv, ungeplant, unwiederholbar.

Anleitung: Inszenierte Konfrontation durch Übertreibung

Vorgehen: Appelliere an die angeborenen Instinkte und suche nach einem Weg zur Aktivierung dieser, um das dysfunktionale Verhalten auszuhebeln.

  1. Erkenne das dysfunktionale Verhalten: z.B. notorisches Zuspätkommen
  2. Interpretiere die Wirkung: z. B. ist Zuspätkommen ist respektlos, Person setzt über Normen hinweg
  3. Finde eine übertriebene Wirkung: Drüber hinwegsetzen wird nur den ranghöchsten Mitgliedern der Gesellschaft für besondere Anlässe zugestanden
  4. Inszeniere die Wirkung: z. B. für 3 Tage verbeugen sich alle Personen bedeutungsschwer vor der Zuspätkommerin und sprechen sie mit „Eure Hoheit“ an, um ihr Verhalten zu verdeutlichen

Im Fall der Exorzierung ist das dysfunktionale Verhalten Aggressivität und Hysterie. Andere Menschen sind davon eingeschüchtert und entwickeln Gegenaggression. Diese stellte Ajahn Chah zur Schau durch die Drohgebärde, den „bösen Geist“ aus ihr herausbrennen zu müssen als letztes Mittel.