5 essenzielle Kreativitätstechniken im Projektmanagement

Kreativität ist für die meisten etwas, das man hat, oder das man nicht hat. Manche haben dafür eine Veranlagung, während der Rest in anderen Bereichen besser sein mag. Dass dem nicht so ist, beweist der Rückblick in die eigene Vergangenheit: als Kind sind wir ständig schöpferisch und können uns spielerisch ganze Welten in unsere Umgebung projizieren. Der Geist selbst ist in seiner Interpretation der Sinnesdaten permanent kreativ – was in Träumen nächtlich offenbar wird. Doch was ist, wenn es mit der Kreativität gerade hakt? Gerade im Projektmanagement kann sich die Situation schnell mal festfahren: Dann helfen Kreativitätstechniken.

Was ist Kreativität?

Kreativität bedeutet im wesentlichen, alte Pfade des Denkens und Handelns zu verlassen uns sich in unbekanntes Terrain zu begeben. Kreativität kann sich dann ereignen, wenn wir die Komfortzone verlassen, und uns dem Risiko des Scheiterns aussetzen. Scheitern ist im kreativen Prozess ein natürlicher Bestandteil, dem man mit einem guten Frustrationsmanagement begegnen kann. In dem Fall allerdings, dass man sich nicht erlaubt, zu scheitern, ist Kreativität schon von vornherein unmöglich. Die beste Methode, seine Kreativität zu steigern, besteht also im Verlassen vertrauter Denkmuster.

Kreativitätstechniken in der Wissenschaft

Das ist nicht nur eine Phrase, sondern wissenschaftlich belegt: In einer Studie forderten die Versuchsleiter von zwei Gruppen von Probanden Brote zu schmieren, bevor sie einen standardisierten Kreativitätstest absolvierten. Der einzige Unterschied zwischen beiden Gruppen bestand darin, dass eine Gruppe die Aufgabe hatte, ihr Brot genau umgekehrt zuzubereiten. Zuerst der Belag, dann die Butter und dann das Brot. Diese Aufgabe war so ungewöhnlich, dass diese Gruppe im Anschluss deutlich kreativer bei den nachfolgenden Aufgaben abgeschnitten hat, als die konventionellen Brotbeleger. [1]

Darauf, dass nicht nur die Art und Weise des Brotbelegens relevant für den kreativen Output ist, weisen auch Studien hin, die eine Korrelation zwischen Kreativität und Zweisprachigkeit oder der Anzahl von Auslandsaufenthalten herstellen. Auch im Unternehmen ist der bzw. diejenige zu kreativeren Lösungen fähig, die mehr Kontakt zu den Kolleg*innen in anderen Fachbereichen hat, und nicht nur mit der immergleichen eingeschworenen Abteilung. Für das Projektmanagement können also Kreativitätstechniken helfen, die eine breite Palette an Inspirationen und Einfällen eröffnen.

Du stehst vor einem Problem, dass eine kreative Lösung braucht und benötigst einen Perspektivwechsel? Bevor du dich wieder am Schreibtisch quälst, versuch deinen Geist doch einmal mit folgenden Methoden mit frischem Wind zu versehen:

  • Schmiere dein Brot andersherum
  • Laufe einmal rückwärts, um deinen Kaffee zu holen
  • Wann hast du eigentlich das letzte mal einen Kopfstand versucht?
  • Du willst dem Club der toten Dichter beitreten? – Stelle dich einmal auf deinen Tisch und sieh, wie dein Problem von dort aussieht
  • Rede mit dir selbst, so als wärst du verrückt
  • Tagträume (si. auch Visualisierung unter 4.): Leg dich hin und stell dir alles mögliche vor, was dir in den Sinn kommt. Du kannst blaue Pandas aus Helikoptern springen und sie schwerbewaffnet andere Zootiere befreien lassen
  • ……

5 horizonterweiternde Kreativitätstechniken für das Projektmanagement

Abseits von Brainstorming, Mindmaps und anderen bekannten Kreativitätstechniken möchte ich dir jetzt fünf Techniken vorstellen, die deine Neuronen wie zu Silvester feuern werden lassen.

1. Inspirationskarten

Die Idee hinter dieser Methode ist der Perspektivwechsel. Die Vorgehensweise ist im Grunde nicht eigenständig, sondern dient regelmäßig als Eisbrecher, wenn man bei der Ideenfindung feststeckt. Im Design Thinking gibt es die Brainstorming-Constraints. Sie funktionieren ähnlich.

Es gibt vier Varianten solcher Karten und im Grunde kann man sie weitgehend selbst entwickeln.

1. Ressourcen: Die Karten beschränken oder steigern verfügbare Ressourcen. Die extremste ist: Du hast alles Geld der Welt, was würdest du damit machen?

2. Weltveränderer: Physikalische Gesetze werden aufgehoben, gesellschaftliche Normen über Bord geworfen. Wir erfinden ein Stück Science-Fiction.

3. Rollenkarten: Du bist ein Kind, du hast eine Behinderung, du bist Superman. Was verändert sich durch den Perspektivwechsel?

4. Nightmare: Welche Veränderung würde die Probleme deiner Zielgruppe drastisch verschlimmern? Wie müsste dein Produkt aussehen, damit es niemand kauft?

Wenn du diese erzwungenen Perspektivwechsel an ein Produkt, einen Markt oder eine Gesellschaft anlegst, ergeben sich häufig ganz neue, faszinierende Fragestellungen. Die taugen zu weit mehr als für den nächsten Social-Media-Post. Darin versteckt sich auch die nächste Produktinnovation oder gar ein ganzes Geschäftsmodell! Natürlich ist eine Inspirationskarte wie „So viel Geld zur Verfügung, wie man will“ wiederum sehr absurd, vor allem für Menschen, die in einem solchen Workshop einen Realitätsbezug suchen. Doch um die Kreativität zu steigern, muss man die Realität für ein paar Augenblicke beiseite lassen. Wenn die Realität der einzige Maßstab wäre, würden wir immer noch in Höhlen hausen. 😉

Scherz beiseite: Du startest bei einem Thema oder einer Fragestellung. Bleiben wir bei Mobilität: Wie sieht das Taxi 2025 aus? Die Inspirationskarte, die ihr zieht, lautet „unendlich viel Geld“. Ein Teilnehmer beschreibt, dass er extrem luxuriöse Autos kostenlos anbieten würde. Geht von diesem Extrem zurück in die Realität – dann kommt ihr zu der Frage, wie sich das Gewerbe dann monetarisiert. Und die Antwort darauf ist gar nicht weit hergeholt: durch Werbung. Amazon steuert gerade darauf zu, mit E-Commerce gar kein Geld verdienen zu müssen, weil die Kundenschnittstelle so wichtig ist, dass Marken viel Geld für die Werbeplätze bezahlen.

Aus verrückten Einfällen entstehen umsetzbare Konzepte

Kreativitätstechniken Projektmanagement

Aus dieser Erkenntnis heraus könnte man auf die Idee kommen: Wer wären spannende Werbepartner? Und schon ist man im Hier und Jetzt. Die Innenräume der Taxis sind bis auf die Bildschirme in den Kopfstützen werbefrei. Was wäre, wenn man zum Beispiel Haribo oder Nestle „Verkostungsfahrten“ verkaufen würde. Die Fahrgäste dürfen neue Produkte probieren und füllen am Touchscreen einen kleinen Feedback-Fragebogen aus. Das ist dann überhaupt nicht mehr absurd und weit hergeholt.

Betrachte alle Methoden extrem leicht und spielerisch. Es gibt keine falschen Antworten oder Ergebnisse. Und es ist völlig normal, wenn der Anfang etwas zäh ist. Viele Menschen haben Angst vor dem Wort Kreativität und bauen Druck auf. Auch hier können die Inspirationskarten helfen, weil man andere Rollen einnimmt und somit unbefangener Ideen äußern kann.

2. SCAMPER

Scamper ist eine Weiterentwicklung der Osborne-Checkliste. Sie erlaubt es dir, der Situation, der du kreativ begegnen möchtest, von vielen verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Gleichzeitig ist SCAMPER dabei sehr systematisch. Dadurch gewinnst du tiefere Einsichten in das Problem, die dir neue Horizonte eröffnen können.

Sieht so das Taxi der Zukunft aus?

1. Substitute – Ersetzen von Komponenten: Denke noch einmal an die Beispielfrage: „Wie sieht das Taxi 2025 aus?“ Was könnte man hieran ersetzen oder austauschen? Muss es zum Beispiel ein Auto sein, wären nicht auch andere Gefährte denkbar? Kann das Taxi vielleicht fliegen? Kann man statt mit Geld auch auf andere Weise bezahlen? Braucht man wirklich einen Gast? Kann man ihn nicht durch Gegenstände ersetzen? Vielleicht also einen Kurierdienst?

2. Combine – Kombinieren von Elementen: Das Taxi 2025 könnte man mit Unterhaltungszwecken verbinden. Zum Beispiel gibt es doch das Klischee der gescheiterten Akademiker, die Taxifahrer geworden sind. Könnte man sie nicht dazu animieren, mit ihren Kunden besonders interessante oder hilfreiche Gespräche zu führen? Der Innenraum eines Autos ist ein geschützter Raum, in denen viele Sachen stattfinden könnten: Verkostungen, Vorführungen von Musik oder ein Quiz beispielsweise.

3. Adapt – Abänderungen von Funktionen: Kann man mit dem Taxameter nicht auch andere Dinge messen, als die Zeit, die vergeht? Wäre hier nicht zum Beispiel eine Gamification möglich, indem man zum Beispiel die Anzahl der richtig beantworteten Quizfragen anzeigt, die den Preis der Fahrt reduzieren? Muss man den Gast wirklich an sein Fahrziel bringen, kann man ihn nicht auch wo anders hinfahren lassen? Vielleicht ein Taxi, das zum Erlebnisurlaub fährt? Oder automatisch zum nächsten Bahnhof?

4. Modify – Steigern oder Vermindern von Größe und Quantität, Gestaltveränderungen und Modifizierung von Attributen: Wie groß kann ein Taxi sein? Kann es vielleicht 10, 50 oder 1000 Leute aufnehmen? Könnte man einen Zug als Taxi mieten? Was ist das kleinste vorstellbare Taxi? Eine Art Tandem?

5. Put – „Put to another use“, weitere Verwendungen finden und neue Kontexte: Gibt es andere Situationen, in denen ein Taxi sinnvoll sein könnte? Zum Beispiel bei Großveranstaltungen?

6. Eliminate – Entfernen von Komponenten: Wie könnte ein Taxi ohne Gefährt aussehen? Eine Art Begleitdienst zu Fuß? Wie könnte ein Taxi funktionieren, dass man nicht bezahlen muss? Oder ohne Fahrer, oder ohne Ziel?

7. Reverse – Umkehren von Zusammenhängen: Könnte es auch ein Taxi geben, dass einem vom Ziel wegfährt? Oder zum Startpunkt hin? Wo der Gast vom Fahrer bezahlt wird?

3. Ja, und dann …

Diese Methode stammt aus dem Improvisationstheater und hat vier wesentliche Vorteile:

  • Die Methode ist einfach und intuitiv
  • Es entsteht eine Geschichte
  • Jeder wird an der Ideenfindung beteiligt
  • Die Methode macht Spaß und stärkt den Teamgeist

Die Methode funktioniert folgendermaßen:

  1. Eine Person äußert einen Satz oder ein Wort
  2. Daraufhin antwortet die Person neben ihr mit „Ja, und dann …“ und ergänzt den ersten Einfall spontan mit weiteren Elementen. So geht das dann reihum, bis man wieder bei der ersten Person angekommen ist. Natürlich kann man hier viel variieren: im Beispiel mit dem Taxi 2025 könnte man die Teilnehmer*innen zum Beispiel zunächst bitten, eine ganz normale Taxifahrt von heute zu schildern, damit sie warm werden. Und danach könnte man eine Taxifahrt auf dem Mars schildern lassen, oder unter Wasser, damit die Assoziationen wirklich frei fließen können.
  3. Jemand sollte die Geschichten protokollieren, damit man sie dann in einer konziseren Arbeitsphase wieder abrufen kann

4. Visualisierung

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass in einem Zustand wacher Entspannung mehr Ideen fließen können. [1] Diese Methode lässt sich sowohl allein als auch im Team nutzen. Folgende drei Schritte können sinnvoll sein:

1. In die Entspannung kommen und visualisieren lassen: Wenn du im Team arbeitest, kannst du die Teilnehmer*innen bitten, die Augen zu schließen und vielleicht beruhigende Musik anmachen. Dann leitest du eine Meditation bzw. Traumreise an, in der zunächst die Entspannung durch langsames ruhiges Reden vertiefst, um dann zu einer Betrachtung des kreativen Endergebnisses einzuladen. Du kannst dein Team prima dazu anregen, innerlich alle Sinne mit einzubeziehen, um so ein möglichst plastisches Bild entstehen zu lassen

2. Austausch und Auswertung: Nun darf jeder erzählen, was er vor dem inneren Auge gesehen hat. Jeder darf aussprechen und seine Erfahrungen darlegen. Falls es sich um ein großes Team handelt, können sie nun auch kleine Gruppen bilden, die sich gegenseitig austauschen. Hilfreich wäre es auch, wenn die Ergebnisse in Stichpunkten oder in Bildern, z.B. von einem Protokollanten am Flipchart festgehalten werden. Lass dir zum Schluss von den Teilnehmer*innen ein kleines Feedback geben, wie ihnen die Visualisierungsübung gefallen hat.

Die Visualisierungsübung hat den Vorteil, dass sie den gewünschten Endzustand schon vorwegnimmt. Dadurch dass das Unterbewusste nicht zwischen Imagination und Realität unterscheiden kann, wird die Bereitschaft zu kreativen Lösungen automatisch gesteigert. Durch die Entspannung kann man den kritisch-rationalen Teil des Bewusstseins für einen Augenblick umgehen, und so tiefere, assoziativ arbeitende Schichten ansprechen. Große Wissenschaftler wie Albert Einstein gaben sich tagtäglich der Tagträumerei und Visualisierungen hin!

5. Design Thinking

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Design Thinking ist eine wirksame und effiziente Technik zur Kreativitätsteigerung in Teams und Organisationen. Daher ist sie im Augenblick besonders gefragt. Hauptsächlich wird Design Thinking dazu benutzt, innovative Produkte und Dienstleistungen zu designen, kann aber in allen möglichen Feldern Anwendung finden! Wir haben schon eine Vielzahl von Artikeln auf dieser Webseite veröffentlicht:

[1] Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen.

Autor: Timotheus Böhme

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