Die Anamnese im Coaching – Über die Vorgeschichte sprechen

Es ist für einen Coaching-Prozess nicht notwendig, über die Vorgeschichte zu sprechen – aber es kann hilfreich sein. Besonders wichtig ist, hier darauf zu achten, dass das Gespräch über die Vorgeschichte auf dem eigenen Wunsch des Klienten basiert, darüber zu reden. Als Coach bieten wir uns als aktiven Zuhörer an, der das Gespräch strukturiert. Es gilt das Abstinenzgebot, dass wir nicht aus unserer Neugier heraus fragen, sondern nur die Informationen erheben, die vom Klienten mitgeteilt werden möchten. Wir können natürlich Verstädnisfragen stellen und damit auch den Raum öffnen, mehr zu erzählen.

Die strikte Beachtung der Bereitschaft des Klienten und die Rückversicherung dafür sind wichtig für die emotionale Sicherheit: es geht nicht um die Befriedigung unserer Neugier, sondern um die Unterstützung des Reflexionsprozesses des Klienten. Aber es ist auch für unsere rechtliche Sicherheit. Als Coaches dürfen keine Diagnose stellen, wie Ärzte oder Psychotherapeuten.

Vorgeschichte als Anamnese im Coaching - Arbeitsblatt

Anleitung zur Anamnese im Coaching

Bevor du über die Vorgeschichte redest, rückversichere dich, ob dein Klient dafür offen und bereit ist.
„Möchtest du darüber reden, was früher schon so zu der aktuellen Situation beigetragen hat?“
Wenn keine eindeutige eigene Bereitschaft dafür da ist, dann wähle lieber ein anderes vorgehen, zum Beispiel durch aktives Zuhören oder die Schärfung der Auftragsklärung und der möglichen anderen nächsten Schritte zum Erreichen des Ziels.

Wenn eine klare Motivation und Bereitschaft da ist, kannst du folgendermaßen vorgehen:

  1. Benenne das aktuelle Anliegen.
  2. Vorgeschichte explorieren: Welche früheren Erfahrungen und Entwicklungen haben zu der aktuellen Situation beigetragen? Welche ähnlichen Situationen gab es? Unterstütze durch offene Fragen und Verständnisfragen. Ja nach Komplexität und Offenheit kann diese Phase eher kurz oder sehr lange dauern.
  3. Lösungsversuche: Was waren frühere Strategien, um mit der Situation umzugehen? Welche Gedanken und Ideen kursierten bisher?
  4. Widerstände: Welche Widerstände gegenüber einer nachhaltigen Lösungen tauchten bisher auf? Das können individuelle Widerstände durch den Klienten sein oder auch durch andere Personen, das Umfeld oder die strukturellen Rahmenbedingungen.
  5. Trigger: Was sorgt für eine emotionale Erregung? Welche Personen, Gesprächsthemen, Verhaltensweisen, Situationen, Stressfaktoren?
  6. Selbstwahrnehmung: Beschreibe deinen inneren Zustand, d.h. die Gedanken, Emotionen, Körpersignale, wenn du von der Vorgeschichte erzählst.
  7. Ressourcen: Was hast du schon alles im Umgang mit dieser oder ähnlichen Herausforderungen gelernt? Hast du bestimmte Ressourcen aufgebaut (Beziehungen, physisches Umfeld, innere Strategien, finanzielle Ressourcen)?
  8. Kleiner Schritt: Was wäre ein kleiner Schritt, der dich weiter bringt in deiner Klarheit und der Suche nach Lösungsmöglichkeiten?

Beispiel: Konflikt im Familienunternehmen

Aktueller Anlass: Katharina arbeitet im Familienunternehmen als Führungskraft, ihre Mutter ist eigentlich im Ruhestand, aber noch weiter im Aufsichtsrat. Aktuell gibt es einen Konflikt sowohl mit ihrer Mutter als auch mit ihrem Chef – beides droht kurz vor anstehenden Festlichkeiten zu eskalieren.
Katharina hat ihre Mutter gebeten, sich nicht in ihren Verantwortungsbereich einzumischen, damit sie sich dort in Ruhe eine eigene Karriere aufbauen kann. Die Mutter überging diese Bitte, als sie Katharinas Kollegen wiederholt Nachrichten mit ihren strategischen Gedanken schickte. Auf Katharinas Kritik dazu reagiert die Mutter mit Relativierung und Ignoranz, „Du übertreibst“, „Prüf mal, warum du so wütend bist“, lenkt ab („Und du machst doch auch …“), wechselt ständig das Thema.

Vorgeschichte: Katharinas Eltern sind geschieden, aber arbeiteten beide weiter im Familienunternehmen, dort gab es immer wieder konfliktreiche Dynamiken. Die Mutter setzt eigene Bedürfnisse durch, überschritt Grenzen, sucht Kontrolle über Entscheidungen der Tochter. Die Mutter wiederum erfuhr Abwertung und Dominanz durch ihren Vater, Katharinas Großvater, Gefühle wurden klein geredet („Reiß dich zusammen“) und die Mutter musste früh Verantwortung übernehmen.
Katharina wuchs mit einer launischen, oft überreizten Mutter auf und hat früh gelernt, Stimmungen zu stabilisieren, Verantwortung für die Stabilität ihrer Mutter zu übernehmen, Harmonie zu sichern – Bindung um jeden Preis.

Bisherige Lösungsversuche: Direkt ansprechen, Nachrichten schreiben, lange Gespräche, Erklären, Vermitteln.
Gespräche mit Bruder, Partner, Freunden. Beratung/Coaching, einzelne therapeutische Gespräche.

Selbstwahrnehmung: Beim Erzählen: Hilflosigkeit, Traurigkeit, starke Wut.
Körper: Druck im Kiefer, Enge im Hals, Spannung in Brust/Schultern, flacher Atem.

Widerstände: Ignoranz der Mutter und ständiges Ausweichen.
Sehnsucht nach Frieden, Loyalität, Angst vor Kontaktabbruch, Pflichtgefühl,
Scham: „Ich sollte das doch im Griff haben.“

Trigger: Nachrichten ohne Beziehungsbezug („Hier ein Link …“) oder ohne Kontext, besonders wenn sie indirekt Druck erzeugen.
Ungefragtes Einmischen bei Arbeitsthemen. Kollegen, die zu Dominanz neigen und Autorität heraushängen lassen.
Frühwarnzeichen: inneres Tempo, Grübelschleifen, Impuls zu rechtfertigen, Kieferspannung.

Gelernte & aufgebaute Ressourcen: Wissen über Manipulationsmuster, Familiendynamiken, Stressreaktionen, Kommunikation. Hohe Empathie, sehr feine Antennen für zwischenmenschliche Spannungen.
Mehr Selbstbeobachtung, bessere Grenzen im eigenen Alltag.
Stabilere Beziehung zum eigenen Sohn, bewusster Umgang mit Konflikten.

Kleiner Schritt: Vertrauensverlust klar benennen und eine konkrete Grenze setzen:
„Keine Nachrichten/Infos an meine Chefin ohne meine ausdrückliche Zustimmung. Wenn das passiert, pausiere ich den Kontakt für X Tage.“

Neurobiologische Grundlage der Anamnese

Die Klärung der Vorgeschichte wirkt neurobiologisch vor allem, weil sie Ordnung in autobiografische Erfahrung bringt und dadurch das Nervensystem entlastet: Der Hippocampus unterstützt das zeitliche Einordnen („Was war zuerst, was danach?“) und macht Lernen aus Erfahrung möglich. Unter Stress wird diese Funktion schlechter; deshalb ist der Vorab-Check (Sicherheit) so zentral.

Beim Erzählen laufen häufig Default-Mode-Network-Prozesse (Assoziieren, Selbstbezug, Grübelschleifen). Die Methode lenkt das in eine strukturierte Rekonstruktion, während das Salience Network hilft, Relevantes zu markieren (Trigger, Widerstände, Schlüsselmomente).

Wenn Trigger berührt werden, steigt Amygdala-Aktivität (Alarm, Fight/Flight/Freeze/Fawn). Gleichzeitig braucht es präfrontale Steuerung, um nicht impulsiv zu reagieren, sondern Muster zu beobachten und einen kleinen Schritt zu wählen. Das ist der Kern: PFC stärkt Regulation, Amygdala wird beruhigt, Handlungsspielraum entsteht.

Für die Selbstwahrnehmung sind Insula und (als Spannungsdetektor) ACC relevant: Körpermarker (Hals, Brust, Kiefer) werden bewusst, Frühwarnzeichen werden benennbar – das verbessert Emotionsregulation und Entscheidungsgüte.

Wenn am Ende ein realistischer nächster Schritt definiert wird (und als machbar erlebt wird), unterstützen Belohnungs- und Motivationseffekte (dopaminerg) die Umsetzung: nicht durch „Positivdenken“, sondern durch spürbaren Fortschritt.

Auf einen Blick: In der Anamnese über die Vorgeschichte reden

Ziel: Vorgeschichte strukturieren: Kontext, Muster, Trigger, Ressourcen, nächste Schritte
🌱 Wurzeln: Anamnese, systemische Auftragsklärung, Fallkonzept/Fallformulierung, narrative Arbeit, Stress- & Trigger-Logik
🧠 Neuro: Hippocampus ↑, DMN ↑, PFC ↑, ACC ↑, Amygdala ↕
🟢 Anspruch: niedrig–mittel
⚠️ Risiko: Überaktivierung/Retraumatisierung, Grübeln, zu viel Detail statt Muster, Selbstanklage, „im Problem baden“
💡 Indikation: Start oder Neustart eines Themas; diffuse Lage; wiederkehrende Muster; Konflikt- und Stressdynamiken klären
🚫 Kontra: Aktivierung > 7 ohne Regulation; akute Krise; starke Dissoziation; fehlende Zeit/Kapazität für sichere Nachbereitung
🔗 Danach: Sicherer Ort, Stresswolke, Selbstklärung, Teufelskreis, ABC/Reframing, Narrativ, Genogramm/Aufstellung, Meilensteine

Abgrenzung Anamnese im Coaching, Psychotherapie & Medizin

Im Coaching arbeiten wir mit Menschen, die im wesentlichen gesund sind, aber persönliche und berufliche Herausforderungen zu bewältigen haben. Jedenfalls arbeiten wir nicht an pathologischen psychischen Krankheiten, wie im ICD10/ICD-11 definiert. Dafür ist eine gesetzliche Heilerlaubnis notwendig und nennt sich dann Psychotherapie.

Der Begriff Anamnese stammt aus der Medizin und bezeichnet dort das Erfassen der Krankengeschichte. Im Coaching wird der Begriff etwas pragmatisch abgewandelt: die Geschichte spielt nur insofern eine Rolle, dass sie zum Verständnis der aktuellen Herausforderung nötig ist. Mit Krankheiten beschäftigen wir uns per Definition nicht, denn Coaching zielt darauf ab, den Klienten zu helfen, für sich persönlich stimmige Lösungen zu finden für die aktuelle Herausforderung. Wir haben es damit einerseits schwerer, andererseits einfacher als Ärzte oder Psychotherapeuten. Schwerer, weil wir nicht die Macht haben, diese sensiblen Daten zu erfassen und damit eingeschränktere Informationen. Einfacher, weil weniger neue Widerstände und Spannungen durch das starke asymmetrische Machtverhältnis zwischen Arzt-Patient auftauchen – die Augenhöhe im Coaching bietet direktere Chancen für eine kooperative Allianz.

Menschen, die auch Krankheiten haben, müssen nicht etwa vom Coaching ausgeschlossen werden, wir behandeln nur nicht die Krankheiten.

Beispiel zur Abgrenzung von Coaching, Psychotherapie und Medizin

Der Klient hat Konflikte mit seinem Arbeitgeber, Schlafstörungen und eine damit verbundene Stresssituation und möchte daran arbeiten, seine finanzielle Situation zu verbessern und einen Job zu finden, der besser zu ihm passt.

Was passt ins Coaching, was gehört zum Arzt und was zur Psychotherapie?

Im Coaching können die Stärken, Werte und Bedürfnisse des Klienten herausgearbeitet werden, um darauf aufbauend ein Zielbild für einen künftigen Job zu entwickeln. Dann kann das Coaching dabei helfen, schwierige Gespräche mit Arbeitgeber oder Familie vorzubereiten und insgesamt eine klare innere Haltung zu finden, die ihm hilft, durch die Veränderungssituation zu gehen.
Die psychischen und medizinischen Zusammenhänge werden im Coaching nicht diagnostisch oder behandelnd betrachtet, sondern nur kontextuell berücksichtigt: die im Coaching entwickelten Strategien werden ggf. daraufhin überprüft, ob sie realistisch sind und keine neue Belastung hinzufügen.
Wenn der Klient von sich aus über die psychischen, biografischen oder medizinischen Zusammenhänge reden möchte, können wir ihm ein offenes Ohr, im Sinne des aktiven Zuhörens, anbieten und stellen ggf. klar, dass wir weder Arzt noch Psychotherapeut sind, und körperliche oder psychische Krankheitssymptome mit einem Arzt gegengecheckt werden sollten.

Dem Arzt obliegt die Untersuchung der Schlafstörung auf körperliche und ggf. psychische Auffälligkeiten. Je nach Diagnose empfiehlt er konkrete Behandlungsmöglichkeiten, bei nichtorganischen Ursachen insbesondere Psychotherapie oder Stress-Reduktion. Es kann dann Teil des Coachings werden, sofern keine Kontraindikation besteht, nach Strategien für die Stress-Reduktion zu suchen.

In die Psychotherapie gehören die Abklärung und Behandlung psychischer Störungen und anhaltender seelischer Belastungen – dazu zählen u. a. chronische Schlafstörungen, Angst- und Depressionssymptome, Erschöpfung sowie starkes Grübeln oder emotionale Überforderung.

Psychotherapie arbeitet an den zugrunde liegenden inneren Mustern, Konflikten und biografischen Prägungen mit dem Ziel von Stabilisierung, Symptomlinderung und verbesserter Selbstregulation.

Coaching kann dann sinnvoll anschließen oder auch parallel erfolgen, wenn eine ausreichende psychische Stabilität besteht. Die Rollen sollten dann klar getrennt sein.


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