Mitgefühl und das Immunsystem – Die Antwort auf Corona?

In diesen pandemischen Zeiten stellt sich die Frage, wie wir die Zeit nutzen können, um uns selbst und anderen Menschen zu helfen. Unabhängig von der Frage, wie gefährlich Corona ist, gibt es gerade zwei Pandemien und das ist neben Covid-19 die Pandemie der Angst und des Misstrauens. Wahrscheinlich sind die Kontaktsperren und  Ausgangsbeschränkungen sinnvoll, aber daraus folgt nicht zwingend, dass wir uns der medial amplifizierten Ängstlichkeit einfach ergeben müssen. Stattdessen haben viele nun die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu besinnen und neue Gewohnheiten und Denkweisen zu etablieren.

Der Corona-Pandemie begegnen

Im folgenden möchte ich einen kleinen, aber sehr entscheidenden Aspekt beleuchten, der eine aussichtsreiche Option ist, beide Pandemien zu lindern. Dieser Aspekt heißt Mitgefühl. Durch Mitgefühl können wir sowohl die Psyche und die Gesellschaft als auch das Immunsystem stärken! Aber zunächst einmal: was bedeutet Mitgefühl überhaupt? Mitgefühl bedeutet den Wunsch, dass fühlende Lebewesen ohne Leid und glücklich sein mögen. Dieser Wunsch zieht dann entsprechende Kommunikations- und Verhaltensweisen mit sich. Außerdem kann man Mitgefühl so klar von der Empathie unterscheiden, die ein automatisches, unbewusstes Mitfühlen bedeutet, durch welches man sich „runterziehen lassen“ kann.

Während Empathie eher eine angeborene Eigenschaft des Menschens ist, ist Mitgefühl oder Altruismus eine aktive, bewusste Einstellung zu der man sich entscheiden kann. Darüber hinaus ist durch Forschung an buddhistischen Mönchen klargeworden, dass man Mitgefühl trainieren kann, was nachweislich vorteilhafte und langfristige Änderungen in der Struktur des Gehirns nach sich zieht. Diese Vorteile bestehen vor allem in einem ausgeglicheneren emotionalen Zustand, sowie in positiven Gefühlen und einer allgemein großen Lebenszufriedenheit. [2] Doch darüber hinaus beeinflusst Mitgefühl sogar das Immunsystem positiv!

Mitgefühl aus Sicht der Psychoneuroimmunologie

Es gibt einen relativ jungen Forschungsbereich, der sich mit der Schnittstelle von Geist – Immunsystem befasst: die sogenannte Psychoneuroimmunologie (kurz: PNI). Diese liefert spannende Perspektiven auf unsere mentalen Fähigkeiten:

„Eine weitere Harvard-Studie, die ebenfalls in dem Buch ‚Die heilende Kraft der Gefühle‘ erwähnt ist, beschäftigt sich mit der psychoneuroimmunologischen Wirkung der Güte. Der Forscher David McClelland zeigte einigen Personen einen sehr gefühlvollen Film über Mutter Teresa und ihre Sorge für andere Menschen. Andere mussten sich dagegen einen Film über die Nationalsozialisten in Deutschland ansehen, der sie ziemlich wütend machte. Bei den Zuschauern des Mutter-Teresa-Films zeigte sich eine kurzfristige Zunahme der T-Lymphozyten. Und wenn sie nach der Vorführung noch eine Stunde zusammenblieben und über Güte meditierten sowie an all die Menschen dachten, die ihnen in ihrem Leben Gutes getan hatten, dann hielten die erhöhten T-Lymphozyten-Pegel über längere Zeit an!“ [1]

T-Lymphozyten sind die weißen Blutzellen, die der Immunabwehr dienen und deswegen für unsere Gesundheit unentbehrlich sind. Sie werden von der Thymusdrüse produziert.

Über die Thymusdrüse

Mitgefühl oder christlich ausgedrückt: Nächstenliebe würden wir am ehesten mit dem Herz assoziieren. Interessanterweise befindet sich aus endokrinologischer Sicht die Thymusdrüse genau hinter dem Brustbein auf Höhe des Herzens. Die Thymusdrüse ist schon seit der Antike bekannt. Thymos kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie „Lebenskraft“. Bis 1966 dachten viele (Schul-)Mediziner, dass die Thymusdrüse überhaupt keine Funktion habe, bis Jacques Miller ihre Bedeutung für das Immunsystem erkannte. Vor allem im vorpubertären Alter spielt die Thymusdrüse eine wichtige Rolle für den Aufbau des Immunsystems.

Weil sich die Thymusdrüse im Erwachsenenalter jedoch zurückbildet, ist man davon ausgegangen, dass sie dann aber ihre Funktion verliert, was nicht ganz zutreffend ist, wie man auch an der erwähnten Studie erkennen kann. Die Thymusdrüse spielt auch im Erwachsenenalter eine entscheidende Rolle. Doch Mitgefühl beeinflusst nicht nur die Thymusdrüse. Mitgefühl ist in der Lage, durch eine Vielzahl von Faktoren das Immunsystem und die Gesundheit zu kräftigen.

Glaubt man der wissenschaftlichen Literatur, hat das Mitgefühl unter allen menschlichen Emotionen und Verhaltensweisen die größten hormonellen Einflüsse. Oder, um es genauer zu formulieren: Viele wissenschaftliche Studien finden überzeugende Beweise dafür, dass das Mitgefühl und seine konstituierenden Komponenten, wie etwa Empathie, sowohl endokrine Faktoren beeinflussen als auch umgekehrt selbst von diesen beeinflusst werden.“ [3] (Hervorhebung durch mich)

So wird zum Beispiel durch mitfühlendes Verhalten durch den Arzt im Umgang mit seinem Patienten der bedeutende Immunstoff Interleukin freigesetzt. Alleine durch eine empathische und freundliche Behandlung werden also Heilungschancen biologisch nachweisbar erhöht! Durch mitfühlendes Verhalten wird außerdem Oxytocin freigesetzt, welches mit Vertrauen und Großzügigkeit assoziiert wird. Stresshormone wie Cortisol hingegen werden reduziert.

Soziales Miteinander und positive Emotionen

Mitgefühl ist also in der Lage, gleichzeitig das Soziale zu verstärken und positive Emotionen freizusetzen: beides wiederum stärkt das Immunsystem. Deswegen kann Mitgefühl eine Kaskade von positiven Effekten auslösen.

„Durch mehrere Studien wurde nachgewiesen, dass die soziale Unterstützung durch Freunde und Familie korreliert mit einer hohen Anzahl von NK-Zellen sowie einem guten Gleichgewicht diverser am Immunsystem beteiligten Zellen. In psychisch belastenden Situationen wirken sich gute soziale Beziehungen stimulierend auf die erworbene Immunität aus.“ [3]

„Eine Metaanalyse von rund 300 Studien kam zu dem Schluss, dass positive Emotionen Vorteile wie Verbesserungen in Problemlösungskompetenzen, Selbstachtung, Geselligkeit und Beziehungszufriedenheit sowie im altruistischem Verhalten, der Funktion des Immunsystems und der körperlichen Gesundheit mit sich bringen.“ [3]

Wie kann ich Mitgefühl trainieren?

Es gibt sehr viele Wege, sein Mitgefühl zu trainieren. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt! Die Hauptsache besteht darin, sich selbst und anderen aktiv Gutes (Glück, Freude, Gesundheit, Freiheit, Leichtigkeit …) zu wünschen. Das ist jederzeit und an jedem Ort möglich. Wie jedes Training sollte auch dieses mentale Training regelmäßig ausgeführt werden, um die besten Wirkungen zu erzielen. Doch bereits nach einigen Wochen täglichen Übens, stellen sich nachhaltige Verbesserungen in der Lebensqualität ein! [1]

Die Metta-Meditation in Kurzfassung

Metta kommt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie „Liebende Güte“. Wenn dich Mitgefühl und seine Vorteile für Psyche, Immunsystem und Gesellschaft interessieren, beginne doch einfach bei deiner Familie und deinen Lieben und ihren Haustieren. Für sie wird es nicht schwer sein, Mitgefühl zu empfinden. Rufe dir einfach ihr Bild vor Augen und wünschen ihnen von ganzem Herzen das Beste! Am Anfang ist es normal, dass sich das aktive Imaginieren „gewollt“ und „unnatürlich“ anfühlt, aber das geht schnell vorüber.

Dann kannst du beginnen, den Kreis des Mitgefühls allmählich auszudehnen. Schenke zunächst dir selber großzügig Mitgefühl, denn auch du möchtest glücklich sein! Gehe dann über zu Menschen, denen du neutral gegenüber stehst, und dann zu denen, die du nicht magst. Schließlich können du versuchen dein Mitgefühl allen Menschen auf der Erde zu schenken. Halte im Gedächtnis, dass alle Menschen im Grunde genommen bestrebt sind, glücklich und frei von Leiden zu sein. Auch wenn sie zu diesem Zweck manchmal einen falschen Weg wählen.

Ausführliche Anleitung Metta-Meditation

  1. Suche dir einen ruhigen Platz, an dem du verweilen kannst. Am besten setzt du dich in eine dir angenehme Meditationshaltung mit geradem, aber entspannten Rücken. Du kannst dich aber auch auf einen Stuhl setzen oder dich hinlegen. Bei letzterem sollte man allerdings ein Gefühl der Schläfrigkeit vermeiden!
  2. Beobachte deinen Atem. Den Atem zu beobachten hilft, in eine entspannte, aber wache Präsenz zu gelangen. Dabei werden natürlicherweise viele Gedanken entstehen und vergehen. Weder verfolgst du deine Gedanken noch ignorierst du sie. Du beobachtest die Gedanken einfach. Sobald du merkst, dass du stark abgelenkt bist, kehre einfach zum Atem zurück. Gib dir für diesen ersten Teil genug Zeit, damit du wirklich zur Ruhe kommen kannst, aber mindestens 1-2 Minuten.
  3. Schenke dir selbst Mitgefühl. Nun wendest du deine Aufmerksamkeit auf dich selbst. Du willst ebenso wie alle anderen Menschen glücklich und zufrieden sein und frei sein von Leid – und das kannst und darfst du auch. Erlaube dir, glücklich zu sein. Wenn du magst, kannst du dir ein leichtes Lächeln auf die Lippen zaubern. Genieße deine eigene aufmerksame Zuwendung. Um diese Praxis zu erleichtern gibt es in dieser Meditation Sätze, die du dir selbst sagen kannst. Zum Beispiel:
    • Möge ich glücklich sein
    • Möge ich gelassen und heiter sein
    • Möge ich gesund sein
    • Ich bin zufrieden und ruhig
    • Ich bin voller Liebe und Mitgefühl

    Diese Sätze können natürlich beliebig variiert werden. Traue dich, kreativ zu werden! Solltest du Schwierigkeiten haben, mit dir selbst Mitgefühl zu üben, dann kannst du mit dem nächsten Schritt anfangen, und dir danach selbst Mitgefühl schenken.

  4. Schenke deinen Lieben Mitgefühl. Rufe dir das Bild deiner Nächsten vor dein inneres Auge. Stelle dir diese Person ganz genau vor: wie sie aussieht, wie sie sich verhält und ihre Stimme. Und dann nimm all das Mitgefühl, dass du aus dem vorigen Schritt gesammelt hast und schenke es dieser Person. Lächel diesem Menschen zu und wünsche ihm oder ihr von Herzen alles Gute. Stelle dir vor, wie sich dieser Mensch (oder dieses Tier!) über ihre Zuwendung freut. Wenn es dir hilft, kannst du dir auch ein helles, angenehmes und warmes Licht vorstellen. Wende die Sätze nun auf diese Person an. Auch hier sind Variationen erwünscht:
    • Mögest du glücklich sein.
    • Mögest du gelassen und heiter sein
    • Mögest du gesund sein
    • Ich wünsche dir Zufriedenheit und Ruhe
    • Ich wünsche dir Liebe und Mitgefühl
  5. Schenke neutralen Menschen Mitgefühl. Im Leben gibt es unzählige Menschen, mit denen du teils regelmäßig zu tun hast, zu denen du aber keine besondere emotionale Beziehung hast. Doch auch der oder die Kassierer*in, deine Nachbarn oder die Menschen in der Straßenbahn wollen glücklich sein und frei sein von Leiden, genauso wie du selbst. Rufe dir also einen Menschen in das Gedächtnis, dem du neutral gegenüberstehst und nimm all das Mitgefühl, dass du bis hierhin aufgebaut hast und gib es ihnen. Auch die Sätze können nun wieder angewendet werden.
  6. Liebe deine Feinde. Unter Umständen ist dies der schwierigste Part. Aber auch deine Widersacher, Konkurrenten und all diejenigen, die dich verletzt haben, sind bloß auf der Suche nach Glück gewesen. Gib auch ihnen soviel Mitgefühl wie es geht. Nimm dir Zeit. Du musst kein Buddha werden, aber erlaube deinem Herzen, sich so weit wie möglich zu öffnen. Alle, und besonders du selbst, werden davon profitieren.
  7. All deine Mitmenschen und Mitlebewesen einbeziehen. Zuletzt kannst du versuchen, dein Mitgefühl auf alle Menschen und Lebewesen in deiner Umgebung, in dem Land, das du bewohnst und auf der Erde mit einzubeziehen, inklusive dich selbst. Wünsche allen Glück, Frieden, Gesundheit, Freude, Gelassenheit, Heiterkeit und Freiheit. Welche positiven Qualitäten dir auch einfallen: sei im Geiste freigiebig mit ihnen.
  8. Praktiziere regelmäßig. Am besten jeden Tag. Nimm dir einmal für eine Woche jeden Tag 20 Minuten und sieh, wo das hinführt. Meditation ist ein Geistestraining und wenn du darin gut werden möchtest, musst du üben – ganz so, wie das in jeder Sportart oder jeder Kunst gilt.

Noch mehr Informationen zur Metta-Meditation findest du hier.

Quellen

[1] „Gesunde Psyche, gesundes Immunsystem: Wie Psychoneuroimmunologie gegen Stress hilft“ von Lutz Bannasch und Beate Junginger
[2] „Glück“ von Matthieu Ricard
[3] „Mitgefühl. In Alltag und Forschung“ Tania Singer, Matthias Bolz (Hg.) Unter diesem Link als kostenloses Ebook verfügbar!

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