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Somatic Experiencing – Anleitung in 9 Schritten

In diesem Artikel findest du eine Anleitung für Somatic Experiencing – dies bedeutet soviel wie körperliches Erleben. Erlebt werden dabei die körperliches Signale, die in Zusammenhang mit einem Trauma stehen.

…erfahre mehr über Methoden der Trauma-Integration: 5 bewährte Prinzipien.

Somatic Experiencing (SE) nach Peter Levine

Somatic Experiencing (SE) zielt darauf ab, Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und anderer psychischer und physischer traumabedingter Gesundheitsprobleme zu lindern, indem sie sich auf die vom Klienten wahrgenommenen Körperempfindungen (oder somatischen Erlebnisse) konzentriert. Es wurde vom Traumatherapeuten Peter A. Levine entwickelt. Die Sitzungen werden normalerweise persönlich durchgeführt und beinhalten, dass ein Klient seine eigenen Erfahrungen geschützt und achtsam nacherlebt.

Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Somatic Experiencing – Anleitung

Voraussetzungen für die Anwendung von Somatic Experiencing sind:

  • gute Beziehung zwischen Therapeut und Klient
  • klares Verständnis des Kontexts, der Person
  • eine ausführliche Anamnese
  • Klientin & Therapeutin können die körperlichen Signale klar benennen, die mit dem Leiden einhergehen

Der Dreh- und Angelpunkt von Somatic Experiencing sind die körperlichen Symptome des Traumas. Je klarer die körperlichen Erscheinungsformen (z.B. Druck, Spannung, Erregung, Taubheit an ganz bestimmten Körperstellen) des Traumas lokalisiert werden können, desto effektiver ist die Arbeit. Der Therapeut sollte die Symptome entspannt und souverän benennen und ansprechen können. Denn in vielen Fällen geht traumatischer Stress einher mit der Empfindung von Gelähmtheit, welche als so unangenehm empfunden wird, dass der Kontakt mit diesen Gefühlen vermieden oder umgangen wird. Pathologische Reaktionen können z.B. Betäubung und Suchtverhalten sein.

Ziel von Somatic Experiencing ist es, die Körperempfindungen und ungewünschten Gefühle wieder spüren zu können, die unterdrückte „negative Energie“ zu lösen und mit neuen, angenehmen Wahrnehmungen in Kontakt zu bringen.

Anleitung Somatic Experiencing in 9 Schritten

Dies ist eine Anleitung für den durchführenden Therapeuten.

  1. Schaffe ein Umfeld von Sicherheit. Durch den Aufbau einer guten Beziehung, ein ruhiges Umfeld, klare Vereinbarungen und die Möglichkeit von regelmäßigem Feedback kann dem Klienten ein sicherer Raum geschaffen werden, welcher notwendig ist für das weitere Vorgehen.
  2. Erforsche angenehme Körperempfindungen. Hilf der Klientin / dem Klienten, Körpersignale zu finden, die sie so annehmen kann, wie sie jetzt gerade sind.
    Finde dafür möglichst eine neutrale oder positive Wahrnehmungen, z.B. das Ruhen der Füße auf dem Boden oder das Wahrnehmen einer Körperregion, die positiv bewertet wird. Ein Feedback vom Patienten, dass diese Wahrnehmung angenehm oder OK ist, hilft für das einvernehmliche Weitergehen.
  3. „Pendeln“ & Halten. Lenke die Aufmerksamkeit sachte zu den körperlichen Trauma-Symptomen. Das Ziel ist hier, sich den unangenehmen Empfindungen langsam und rhythmisch zu nähern, ohne davon überfordert zu werden. Dafür hilft die angeborene Kraft des Rhythmus zur Steuerung der Wahrnehmung. Es wird zwischen der angenehmen Wahrnehmung aus 2. und der unangenehmen Empfindung, die mit dem Trauma einhergeht.
    Achtung: Werden die Emotionen zu stark und kann der Kontakt zu ihnen nicht gehalten werden, kann es zu einer Retraumatisierung kommen.
  4. Titration. Bei chemischen Reaktionen kann durch Titration eine Explosion verhindert werden, in dem die reaktiven Stoffe tröpfchenweise einander zugeführt werden. So ähnlich soll durch Titration von überwältigenden Emotionen ein Zustand von Stabilität, Belastbarkeit und innerer Ordnung erreicht werden. Dabei werden „Tropfen“ der Erregung der bewussten Wahrnehmung zugeführt, sodass sich der Patient daran gewöhnt und eine Retraumatisierung verhindert werden kann.
  5. Mikrobewegung. Finde eine positive Bewegung für die angestaute negative Energie!
    Theorie hinter Somatic Experiencing: Mit den negativen Gefühlen der Gelähmtheit gehen meist unterdrückte körperliche Bewegungen und Reaktionen einher, denn im Moment der Traumatisierung gab es vor der „Freeze“-Reaktion wahrscheinlich auch eine Fight oder Flight-Reaktion. In diesen steckte viel Energie, die sich aber nicht ausdrücken konnte und dann feststeckte. Finde eine derartige Bewegung, die mit aktiven, selbststärkende Abwehrreaktionen einhergeht.
    Wenn eine achtsame, positive Bewegung gefunden wurde, lass den Klienten diese Bewegung so subtil und achtsam wie möglich ausführen.
    Hilfestellung:Wie finde ich eine solche Bewegung? Oft tauchen in dem Moment der Spannung und Gelähmtheit Sehnsüchte, Träume und innere Bilder auf – finde darin ein positives Bild, eine Assoziation, oder frage: „Wenn dein Körper jetzt an irgendeinem Ort der Welt sein könnte, Wenn dein Körper machen könnte, was immer er wöllte… was wäre das?“ –> finde darin eine ausführbare Mikro-Bewegung der gewünschten körperlichen Expression.
  6. Ohmacht überwinden. Gib dem Klienten Anerkennung und Bestätigung für die erfolgreiche Transformation der „Traumaenergie“ in eine positive Mikrobewegung / Geste. Trenne oder „entkopple“ die konditionierte Assoziation aus Angst und Hilflosigkeit von der (normalerweise zeitlich begrenzten, aber schlecht angepassten) Reaktion auf biologische Immobilität.
  7. Achtsamkeit steigern. Löse die hyperaktiven Zustände, indem du die „Entladung“ und Umverteilung der Überlebensenergie, die für lebenserhaltende Maßnahmen mobilisiert wird, sanft steuerst und diese Energie freisetzt.
    Unterstütze hier auch die Selbstreflexion: achtsame, wertschätzende Gespräche helfen dem Klienten, sich wieder Herr seiner selbst zu fühlen.
  8. Homöostase. Übe Selbstregulierung mit der Klientin, um das „dynamische Gleichgewicht“ wiederherzustellen. Gib genug Raum und Zeit, sodass das Nervensystem sich in Richtung Ruhe & Gleichgewicht bewegen kann. Finde eine entspannte Wachsamkeit.
  9. Orientiere dich am Hier und Jetzt, kontaktiere die Umwelt und stelle die Fähigkeit zum sozialen Engagement wieder her. Vereinbare ggf. nächste Schritte und den Transfer in den Alltag.

Hinweise: Es müssen nicht alle Schritte durchgegangen werden. Gerade am Anfang ist viel erreicht, wenn der Klient es schafft, eine stabile Warhnehmung der Körpersignale aufzubauen. Nicht immer gibt es klare Mikrobewegung – wenn aber durch das Wahrnehmen der Trauma-Symptome ein Kontakt zwischen Bewusstsein und verletztem Anteil hergestellt werden kann, ist dies ein wichtiger Schritt zur Wiederherstellung der Selbstregulations-Fähigkeit des Klienten.

Video mit kurzer Einführung und Anleitung zu Somatic Experiencing von Peter Levine

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