Law of Attraction [nützlicher Schwindel] – 6 psychologische Effekte zur Enttarnung

Das Law of attraction wird auf Deutsch meist als das Gesetz der Anziehung oder Resonanzgesetz verbreitet und gelebt durch das verwandte Prinzip »Fake it till you make it«. Vereinfacht ausgedrückt behauptet das Law of Attraction:

„Wenn du Erfolg haben, ein Ziel erreichen möchtest,
brauchst du es dir nur ausreichend oft bildlich vorzustellen und so zu tun, als ob es bereits Wirklichkeit wäre,
und dann wird dein Wunsch Wirklichkeit werden“.

oder

„If you can dream it, you can do it“

Beispiel: Du möchtest Führungskraft auf Arbeit sein oder Millionär werden oder die Liebe deines Lebens kennenlernen? Kein Problem: Stell es dir einfach jeden Morgen 10 min lang ganz detailliert vor und freu dich jeden Tag darauf, und eines Tages wird es Wirklichkeit sein.

Im Neurolinguistischen Programieren (NLP) ist das Law of Attraction eine behauptete Wirkungsgrundlage, „Programmiere dich auf Erfolg, indem du das gewünschte Resultat visualisierst, fühlst, es dir mental einprogrammierst!“ Leider steckst es voller Vereinfachungen und psychologischer Verzerrungen.

Gute selektive Wahrnehmung, schlechte selektive Wahrnehmung

Das wichtigste Prinzip hinter dem Law of Attraction ist die selektive Wahrnehmung – ein Grundeffekt der menschlichen Aufmerksamkeit, der dazu führt, dass wenige relevante Informationen ins Bewusstsein kommen und sehr viele Informationen drumherum ausgeblendet werden. Ein klassisches Beispiel ist der Cocktail-Party-Effekt: lauter Menschen sprechen über alles mögliche, davon dringt weniges zu deinen Ohren. Aber wenn dein eigener Name irgendwo genannt wird, hörst du plötzlich auf, auch unter dem diffusen Gebrabbel der Masse. Die selektive Wahrnehmung filtert das meiste heraus und lässt nur die Reize durch, die wahrscheinlich für dich relevant sind. Das ist sehr natürlich und gesund, denn schließlich könnten wir niemals alle Reize um uns herum gänzlich verarbeiten.

Selektive Wahrnehmung und Selbsterfüllende Prophezeihungen als Grundlage für das Law of Attraction

Selektive Wahrnehmung ist eine gute Grundlage für Selbsterfüllende Prophezeiungen: aus der Erwartung, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, entsteht eine Rückkopplung an das Verhalten. Das Verhalten führt dann ggf. das erwartete Resultat herbei.

Ein negatives Beispiel habe ich oft im Mathematik-Unterricht erlebt: „Ich kann einfach kein Mathe, meine Eltern konnten auch schon kein Mathe und als Mädchen werde ich es auch nie lernen“… womit dieser Glaubenssatz verhindern kann, dass sich das Kind überhaupt erst darum bemüht, Hilfe annimmt oder weitere Lernschritte unternimmt.

Positives Beispiel für eine selbsterfüllende Prophezeihung: Weil ich erwarte, dass ich gesund und fit bis ins hohe Alter bin (Wunsch), ernähre ich mich gesund (Verhalten) und genieße meine sportlichen Fähigkeiten (verstärkende emotionale Emotion), wodurch ich gesund und fit werde oder bleibe (erwartetes Resultat).

Sofern das Ereignis (z.B. schlechte Noten in Mathe) tatsächlich eintreten kann und beeinflussbar ist durch das individuelle Verhalten (Mathe üben oder nicht Mathe üben), wird dann die Erwartung daran („ich werde schlechte Noten in Mathe bekommen“) zum Wirkfaktor für das Resultat.

Dies wird insbesondere begünstigt durch folgende Effekte:

7 positive psychologische Effekte hinter dem Law of Attraction

Popularität ist noch lange kein Garant für Wahrheit: auch wenn die Mehrheit der christlichen Welt im Mittelalter überzeugt war – die Erde ist nicht das Zentrum des Sonnensystems. Und nur weil ein paar Promis, Gurus und Millionäre das behaupten, kann das Gesetz der Anziehung nicht die Statistik und Naturwissenschaft aushebeln. Dennoch gibt es ein paar nützliche psychologische Effekte, die mit der Praxis des Law of Attraction einhergehen:

  1. Focusing: das wesentliche, bedeutsame Ziel wird zum Zentrum der Aufmerksamkeit und möglichst ganzheitlich im Nervensystem bearbeitet. Dabei können bisher übersehene Möglichkeiten zu Tage kommen, Widerstände aufgelöst werden, neue Haltungen erfahren werden.
  2. Growth Mindset: Ich sehe die Chance, mein Ziel zu erreichen und dabei als Mensch, Persönlichkeit und Geist zu wachsen
  3. Placebo-Effekt: es tritt eine positive Wirkung auf, die nicht aufgrund spezifischer Tätigkeiten / Methoden hervorgerufen wird, sondern aufgrund allgemeiner, statistischer Faktoren… Regression zur Mitte, zufällige Begegnungen, emergentes Zusammenkommen bisher angesammelter Ressourcen, oder eben durch die selbsterfüllende Prophezeihung. Da der Mensch ein komplexes System ist, gibt es Spielraum für Emergenz neuer Zustände.
  4. Überwindung der Trägheit / Inertia-Effekt: Durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit, den inneren Schweinehund und eingefahrene Gewohnheiten kann sich eine lähmende Trägheit einstellen, im Extremfall ein durch ein Trauma hervorgerufener Freeze-Zustand. Dann ist es hilfreich, in irgendeine Aktion mit der Intention des Ziels zu kommen. Allein dadurch, dass ich überhaupt irgendetwas in die gezielte Richtung unternehme, lerne ich, bekomme Feedback, sammle evtl. neue Ressourcen – anstatt in jammernder Opferhaltung zu verharren.
    Aber Achtung, es gibt auch den Action Bias: der Action Bias ist eine unnötige oder unnütze Handlung, die keine oder sogar eine negative Wirkung hat und z.B. aufgrund eines getriggerten Sympathikus entstehen kann, also eher der Fight-or-Flight-Zustand, auch z.B. durch frühere Traumen.
  5. Positiver Halo-Effekt: Aufgrund der Überzeugung einer Sache entsteht eventuell schon ein gesteigertes Selbstbewusstsein, positive Haltungen und Verhaltensweisen. Durch das überzeugende Auftreten schließen andere Menschen womöglich auf positive Kompetenzen und Erwartungen, dass du deine Ziele auch erreichst und bieten Unterstützung.
  6. Optimismus Bias: Dieser Effekt kognitiver Verzerrung kann gut wie auch negativ sein – es geht um übermäßigen Optimismus, der etwas vorbei an der Realität sieht zugunsten einer erhofften Zukunft. Dies kann motivieren und dafür sorgen, dass man für die positive Zukunft sorgt – aber er kann auch zur plumpen Lüge und Verblendung werden, wenn z.B. eine DDR-Regierung eine dauerhaft überoptimistische Wirtschaft prognostiziert, vorbei an der offensichtlich maroden Realität.
  7. Hebbsche Lernregel: »What fires togehter, wires together« bezeichnet auf der neuronalen Ebene einen grundlegenden Lernvorgang: wenn zwei neuronen regelmäßig gleichzeitig aktiviert werden, verbinden sie sich mit der Zeit, wodurch auch eine Assoziation auf kognitiver und Verhaltens-Ebene geschehen kann.
    Das bedeutet hier: Durch regelmäßige Visualisierung, bewusst oder auch unbewusst im Traum, einer glücklichen menschlichen Beziehung, sorgst du durch freudiges und engagiertes Verhalten dafür, dass genau diese Beziehung entsteht, von hohem Wert bleibt und Glück bringt.

Die „Kraft der Visualisierung“…

In spirituellen / esoterischen Kreisen geht das Law of Attraction für gewöhnlich einher mit der vereinfachenden Idee von Manifestation durch bildliche Vorstellung, oft einfach Visualisierung genannt (Ich muss mir das gewünschte Resultat nur vorstellen, dann wird es schon geschehen).

Auch hier sollte unterschieden werden: entsteht durch die bildliche Vorstellung eine positive Selbsterfüllende Prophezeiung – indem sich meine Wahrnehmung und mein Verhalten anpasst und ich dadurch das gewünschte Ergebnis leichter ermögliche bwz. herbeiführe – oder betreibe ich spiritual Bypassing, d.h. ich tue so als ob und rede mir ein positives Ergebnis ein und ignoriere die Realität (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Tatsächlich gibt es auch positive physische Effekte der Visualisierung: Zum Beispiel führte die Vorstellung, eine Fünf-Finger-Klavierübung zu auszuüben (mental-visuelle Übung), zu einer signifikanten Leistungsverbesserung gegenüber keiner mentalen Übung – wenn auch nicht so signifikant wie die Übung, die durch echtes physisches Klavierspielen geschieht. Die Autoren der Studie stellten fest, dass „mentale Praxis allein ausreicht, um die Modulation neuronaler Schaltkreise in den frühen Stadien des motorischen Lernens zu fördern“ [2].

Kritik Law of Attraction

Während wir nun gesehen haben, dass nützliche Phänomene mit dem Law of Attraction einhergehen können, allen voran eine positive Selbsterfüllende Prophezeiung, die einhergeht mit Pro-Aktivität,
gibt es auch eine ganze Reihe an Dummheiten, denen ich in spirituellen Kreisen immer wieder begegnet bin, die gut durch kognitive Verzerrungen beschrieben werden können.

Dumme Vorstellungen übers Law of Attraction:  6 kognitive Verzerrungen

Kognitive Verzerrungen beschreiben die, bei allen Menschen üblichen, Fehlvorstellungen und Verzerrungen der Realität durch systematische Abweichungen der kognitiven Prozesse von realen oder rationalen Prozessen [1].

  1. Confirmation Bias: Informationen werden so ausgewählt, dass sie die eigene Erwartung oder Hoffnung erfüllen, auch wenn sie gänzlich anders zu deuten wären. „Das hab ich ja schon immer gewusst“ ist dann eine typische Aussage.
  2. Attributionsfehler: ein Erfolg wird oftmals lieber den Persönlichkeitsmerkmalen einer Person zugeschriebn anstatt den variablen Umweltbedingungen. Im Falle des Laws-of-Atrraction wird ein eventuell zufälliges positives Ereignis der „Vorstellungskraft“ zugeschrieben, auch wenn dieses Ereignis genauso wahrscheinlich eingetreten wie eh und je. Dies ist eine illusorische Korrelation. 
  3. Recall Bias: Besonders leicht funktioniert dies im Rückblick, wenn vergangene Erfahrungen verklärt oder falsch zusammengefügt werden (natürliche Schwäche des menschlichen Gehirns).
  4. Manchmal hilft auch ein Horoskop, eine Wahrsagerin oder Schamane, dann setzt der Horoskop-Effekt ein (auch Barnum-Effekt / Barnum-Aussagen / Forer-Effekt). Dieser besagt, dass allgemeine, schwammige Aussagen über eine Person meist als wahr und stimmig angenommen werden, eben wie in den Horoskop-Texten in der Zetiung.
  5. Spiritual Bypassing ist psychologische Vermeidung von unangenehmen Emotionen und persönlichen psychischen Herausforderungen, indem stattdessen eine metaphysische Attrappe benutzt wird.
    Beispiel: Anstatt ernsthaft die eigenen Traumata und einen negatives Selbstwert durchzuarbeiten, flüchtet sich die Person stattdessen in eine spirituelle Beschönigung, »alles hätte einen Sinn« und »Gott wird es schon richten«.
    Anstatt an dem Aufbau eines unabhängigen, erfolgreichen Lebens zu arbeiten und dafür harte Arbeit und Demut aufzubringen, versucht die Person es lieber durch eine elegante »Manifestation des erträumten Lebens« im Sinne des Laws of Attraction.
    Damit ist spiritual Bypassing eine »Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken zu verwenden, um ungelöste emotionale Probleme, psychische Wunden und unvollendete Entwicklungsaufgaben zu umgehen oder zu vermeiden«. Der Begriff wurde von John Welwood geprägt, einem buddhistischen Lehrer und Psychotherapeuten.
  6. Eine Ausprägung davon ist der »Gerechte-Welt-Glaube«, der behauptet, dass es in der Welt gerecht zugeht, alle Menschen das bekommen, was ihnen zusteht, und auch harte Schicksalsschläge einem gerechten Sinn Gottes (oder irgendeiner anderen höheren Macht) entsprechen.

Manipulationen und dumme Argumentation

Etwas falsches zu denken ist etwas relativ harmloses – dumm, aber nicht schädlich für die Umwelt. Tatsächlich fatal werden kann es, wenn Dummheit mit Macht einhergeht und Menschen ihr Umfeld mit ihrer Dummheit lenken wollen. Typischerweise nutzen sie dabei die folgenden 3 Argumente:

  1. Selection Bias: Wie oft bei der Bewerbung und Anpreisung von Produkten / Ideen / Modellen, werden vor allem positive Beispiele ausgewählt und keine statisch repräsentative Auswahl, das heißt die Gegenbeispiele werden einfach unterschlagen. In der Wissenschaft wird dies als Cherry-Picking bezeichnet.
  2. Emotionale Beweisführung: Weil es sich gut anfühlt, muss es warh sein – um damit zum Beispiel auch das Law-of-Attraction wahr sein, wenn sich die inneren Bilder so angenehm anfühlen. Allein die Imagination fühlt sich eventuell gut an und all die schönen Geschichten – aber deswegen ändert sich die Realität nicht.
  3. Wenn Menschen auf dieser Grundlage argumentieren und versuchen, etwas zu „beweisen“, nennt man dies anekdotische Evidenz (englisch anecdotal evidence), welche per Definition keine statistische Signifikanz-Überprüfung beinhaltet und schwerlich als Beleg, geschweigedenn als Beweis gesehen werden kann.

Ein besonders herausragendes Beispiel von diesen und weiteren logischen Fehlschlüssen (fallacies), lieferte US Präsident Donald Trump, sodass plumpe Rhetorik und falsche Vereinfachung der Realität als Trumpification ins allgemeine Vokabular Einzug fand.

Quelle: