[Theorie] Komplexe menschliche Systeme

Du!
Ich übrigens auch.
Aber auch du: Ja, du bist ein komplexes System – und in dir steckt viel Wissenschaft & Mystik:

Durch viele Supernovae entstanden die atomaren Elemente, aus denen wir bestehen: sie konnten sich im Laufe der Evolution zu den Organismen formen, die wir heute sind. Und: wir Menschen existierten nie allein – wir sind stets Teil einer Gruppe, eines Stamms, einer Gesellschaft, eines größeren menschlichen Systems.

 

Was ist Komplexität?

Komplexität lässt sich für die meisten Anwendungsfälle gut erklären mit der sog. Stacey Matrix:

Stacey-Matrix - Komplexität vs kompliziert vs einfach vs chaos design thinking

Erklärung des Diagramms zur Stacey Matrix: Durch viele unterschiedliche Perspektiven (Heterogenität) und durch die Offenheit eines Prozesses entsteht eine Unvorhersehbarkeit, die wir Komplexität nennen. Komplexität wird durch intelligente, agile Prozesse gebändigt und somit vorm Chaos beschützt. Wenn konkretere Ideen und Prozesse entstehen, sind sie meist „nur“ noch kompliziert. Dann können konkrete nächste Aufgaben abgeleitet werden, die das Problem einfach handhabbar machen.

 

Mathematik von (menschlichen) Systemen

SnowflakesWilsonBentley
Aus einem Set von atmosphärischen Umweltbedingungen „emergieren“ Schneeflocken. Schon winzigste Veränderungen im System erzeugen unterschiedliche Gestalten und so gleicht keine Schneeflocke der anderen.

Systeme sind ein Gefüge von vielen Elementen (Elemente sind z. B. die Mitglieder einer Familie oder Organisation, innere Anteile des Menschen, politische Parteien, etc.).

Eigenschaften komplexer Systeme:

  • Gefüge von Elementen
  • Die Elemente stehen miteinander in Beziehung und Wechselwirkung. 
  • Emergenz („das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) erzeugt Phänomene (Wahrnehmungen der Gestalt), die im Ganzen beschrieben werden können, nicht aber unbedingt im Kleinen – so auch viele der folgenden Eigenschaften.
  • Ordnung der Gruppe: Rang, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Identifizierung eines Anteils mit anderen Anteilen, Ungerechtigkeiten, Schuld, Richtung der Aufmerksamkeit … dies wird genutzt in (systemischen) Aufstellungen
  • Dynamik: Psychodynamik, Familiendynamik, Gruppendynamik, Emotionsdynamik, Konfliktdynamik… da geht’s ab!
  • Rollen und AnteileTeamrolleninneres TeamEgo-States, Rollen der Transaktionsanalyse
  • Zustände: Bestimmte Konfigurationen der Elemente, Beziehungen und emergenten Phänomene sorgen für besondere Systemzustände. Hier ein paar Beispiele in verschiedenen Kontexten:
    • Thermodynamik: Materie kann sich je nach Temperatur und Druck in den Aggregatzuständen „fest“, „flüssig“ oder „gasförmig“ anordnen
    • Biopsychologie: Ein menschlicher Organismus kann durch einen Angriff in Zustände wie „fight“, „flight“ oder „freeze“ übergehen (Flucht, Kampf oder Erstarren), ansonsten natürlich auch in alltägliche Zustände wie „Harmonie“, „Schlaf“, „Aufregung“, „Depression“, „Verliebt“, „Beschämt“, …
    • Gruppendynamik: Eine große Gruppe kann sich in den Zuständen „Konflikt“, „Frieden“, „Euphorie“, „Depression“, „Spaltung“, „Betäubung“ etc. befinden (in quasi allen Kombinationen von Zuständen und Emotionen, die auch Individuen annehmen können)

Komplexe Systeme sind „Chaordisch“

Chaordische Zustände treten auf, wenn sich Systeme verändern und zwischen Ordnung und Chaos wechseln.

 

Gruppen = Systeme kommunizierender Akteure

Menschen existieren in Gruppen: im Rudel konnten wir uns evolutionär behaupten gegenüber stärkeren Tieren. Die Gruppe bietet Schutz gegenüber der Umwelt. Daher betrachten wir nun noch speziell die Komponenten, die menschliche Kommunikation in der Gruppe ausmachen:

  1. die beobachtbaren Informationen einerseits, und
  2. die im Nervensystem und der Seele verborgenen Phänomene & Dynamiken andererseits, die das äußere Verhalten und die Kommunikation antreiben. Wir nennen sie Quellen des Verhaltens.

Kommunikation: Informationen werden ausgetauscht über Worte, Betonung, Bewegungen, Gestik & Mimik.

Verborgene Quellen der Informationsdynamik: Bedürfnisse, Instinkte, individuelle Gewohnheiten & organisatorische Prozesse, Emotionen, soziale Kräfte, Individuation.

Wenn wir nun versuchen, einen Menschen zu verstehen, suchen wir sowohl auf der beobachtbaren Oberfläche, als auch darunter nach den Quellen des Verhaltens. Eine Struktur dafür bieten die folgenden Kommunikations-Ebenen.

 

Kommunikations-Ebenen

Eisberg Modell - Beziehungskompetenz - Beratung - Bedürfnisse - HierachieStell dir vor, ein Klient kommt mit einem formulierten Problem und einem diffusen Anliegen zu dir, schildert Symptome („Stress“, „zu voller Terminkalender“).

Ich sortiere Ebenen, auf die wir in der Arbeit mit Menschen gucken:

  • Beobachtbares Verhalten: Worte, Bewegungen, Gesten, benutzte Gegenstände
  • Körpersignale (Atmung, unwillkürliche Bewegungen, Puls, Anspannungen, Durchblutung, Feuchtigkeit …)
  • Gedanken: Glaubenssätze, Gedankenschleifen, Schlüsselbegriffe, Träume, Visualisierungen, kognitive Verzerrungen
  • Ressourcen, die zur Verfügung stehen: materielle Ressourcen, Kompetenzen, soziale Unterstützung
  • Emotionen: Angst, Freude, Wut, Trauer, Scham, Schuld, Ekel, Überraschung
  • Bedürfnisse, z.B. sortiert nach Grawe: Zugehörigkeit, Kontrolle, Lust, Selbstwert
  • Soziales System: Rang, Zugehörigkeit, Nähe, Blickrichtung
  • Funktionale Zusammenhänge: welche Prozesse, Routinen, strukturellen Zusammenhänge oder wissenschaftlichen Fakten stecken noch hinter Verhalten? (Zum Beispiel Arbeitsprozesse, gesellschaftliche Aufgaben, übernommene Gewohnheiten, soziale Routinen).
    Auch: Anpassung des Organismus an Traumatisierung.

Die Grundannahmen zur Psychologie können das Zustandekommen der Kommunikationsebenen erklären.

 

Anleitung: Anamnese über Informationsebenen

Ausgangssituation: Ein Mensch hat ein Anliegen oder ein Problem zu einem bestimmten Thema. Wir untersuchen dazu die Informationsebenen.

  1. Benenne das Anliegen.
  2. Sammle Informationen zu dem Thema und der Person. Nutze dafür Kommunikations-Techniken.
  3. Ordne die Informationen sowie deine Wahrnehmungen und Interpretationen nach den benannten Kommunikations-Ebenen.

menschliche komplexe Systeme - Anamnese

 

Verstehen & Lösen: Methoden zu den Kommunikations-Ebenen des Menschen

Die folgende Tabelle zeigt Theorien & Ansätze zum Verstehen der Zusammenhänge,
andererseits Methoden zur Arbeit mit  diesen Ebenen.

EbeneProblemraum: VerstehenLösungsraum: Gestalten
VerhaltenBeobachten,
Imitation, Spiegeln
Konditionierung,
Anleiten, Operatoren verwenden
Funktionale ZusammenhängeMorphologische Analyse, Recherche, Speed Learning, SzenarioanalyseDesign Thinking, Nudging
GedankenSystemische Fragen, Laut denken, Freies Assoziieren, Gedanken aufschreibenGlaubenssätze transformieren, The Work (Byron Katie), Hypnose, Visionsfindung, Meditation
RessourcenRessourcen-FragenUtilisation, Ressourcen-Aktivierung, Meditation (Selbstorganisation der inneren Ressourcen)
KörpersignaleBody Scan, „körperlich zuhören“Spannungen neu fließen lassen, Qi Gong, Tanzen
EmotionenSpiegeln, Nachfragen,
Sich-Hineinversetzen anbieten: „Wenn ich mich in deine Rolle hineinversetze, fühle ich mich traurig und wütend“
Emotionalen Zielzustand definieren, Bodystorming, Method Acting
Bedürfnisseerforschende Warum-Fragen, Bedürfnisse analysieren nach Grawe oder MaslowDesign Thinking: gestalte Umgebungen und Produkte, die Bedürfnisse erfüllen
Soziales SystemAufstellung, Stakeholder Analyse, GruppendynamikInterventionen: Coaching, Facilitation, Konfliktlösung, Führung,
heilende Sätze nach Hellinger

 

Ausblick: Eigenschaften komplexer Systeme

Komponenten

Beschreibung

Beispiel

Elemente

Einzelbestandteile des Systems

Atome, Moleküle, Zellen, Organe, Individuen (z.B. Familien- oder Teammitglieder), Organisationen (Institutionen, Unternehmen, …), Nationalstaaten

Verbindung

Es gibt Verknüpfungen zwischen den Elementen. Diese Beziehungen haben verschiedene Qualitäten.

Elektromagnetische Kräfte, Neurotransmitter, kollegiale Beziehungen in einem Team, Massenmedien, Handel und Warenverkehr

Netzwerk

Es bildet sich ein Netzwerk aus den Elementen und deren Verbindungen.

Kristalle aus Molekülen, neuronale Netze aus Neuronen, informelle und formelle Gemeinschaften (z.B. Cliquen und Vereine), Märkte

Emergenz

“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.” Es gibt makroskopische Phänomene des Systems, die nicht aus den einzelnen Elementen erklärbar sind.

Materialeigenschaften (z.B. Anomalien des Wassers), Kreativität, Gruppendynamik, Kulturelle Normen und Werte, Kursschwankungen an der Börse

Ebenen

Jedes neue Komplexitätsniveau unterliegt eigenen strukturellen Abläufen und Gesetzen

Subatomare Ebene, Atomare Ebene, Nano-Ebene, Zell-Ebene, Individuen und kleine Gemeinschaften, Hierarchien in einer Organisation, Hierarchien in Gesellschaften, Kommunikationsebenen

Zustände

Abhängig von internen und externen Variablen kann das System zu verschiedenen Zeitpunkten in verschiedene Zustände gehen

Aggregatzustände, Psychologische Zustände (hoher/niedriger Stress, Trance, Depression, Freude, …), Rezession oder Aufschwung,
Gruppen-Stadien (Euphorie, Stagnation, Konflikt, Leere)

Selbst-organisation

Durch Rückkopplungs-Schleifen entsteht die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Das System kann sich selbst regulieren und ins Gleichgewicht bringen.

Das Aufrechterhalten von 37° Körpertemperatur, Anspassung des Organismus an Traumatisierung, Herdentrieb, Bildung eines Betriebsrates

Dynamik

Die zeitliche Entwicklung des Systems und seiner Komponenten ist meist nicht-linear. In dem du dich in das System begibst, kann es sich bereits verändern.

Entropie und chaotische Zustände, Wetterphänomene wie Gewitter oder Wirbelstürme, Neuroplastizität, Gruppendynamiken, Aktienhandel oder Finanzspekulationen, Individuation

Wechselwirkung

Das System und seine Komponenten stehen in Wechselwirkung mit der Umgebung und anderen Systemen.

Regelkreisläufe, Symbiosen, zwischenmenschliche Beziehungen, Kräfte (physikalisch, übertragen: soziale Kräfte), Wettbewerb und Konkurrenz,
Kommunikation i.A.

 

Wir Menschen als kleine Universen

Wir bestehen nicht nur aus Sternenstaub, wir haben auch Systemeigenschaften gemeinsam mit Galaxien und Universen:

  • wir bestehen aus vielen einzelnen Elementen,
  • durch die Wechselwirkung der Elemente entsteht
  • Emergenz neuer Eigenschaften und Phänomenen
  • Wir tauschen Informationen aus, sowohl über Licht als auch über Worte und Körpersprache
  • Es gibt kompexe Dynamiken, deren Quellen sind unsere Bedürfnisse (Mehr dazu unter GFK und der Bedürfnispyramide)
  • Durch Reibung entsteht Wärme

1 Gedanke zu „[Theorie] Komplexe menschliche Systeme“

  1. Beeindruckend: Dieser Artikel bietet einen anspruchsvollen, fundierten Blick auf das „Systemische Arbeiten, Beraten und Coachen“. Seitdem „Systemisches Coaching“ als Trend aufgekommen ist, gibt es in der Organisationswelt den Ausspruch, „das muss man systemisch betrachten“.

    Das erinnert mich sehr an meine Uni-Zeit und politische Diskussionen. Es gab immer jemanden, der bemerkte, „das muss man differenziert betrachten“ – ohne weitere Konkretisierung oder Differenzierung. Und wenn das nächste Mal jemand zu einer systemischen Ausbildung rennt und sagt, das müssten wir „systemisch betrachten“ – dann hilft ein kritischer Blick auf die wahre Natur komplexer menschliche Systeme.

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