EMDR vs. Dual-Task-Spiele

Eine Frau sitzt in der Notaufnahme, zwei Stunden nach einem Unfall. Der Schreck ist noch nah, die Bilder noch scharf. Statt eines Gesprächs bekommt sie eine Spielekonsole in die Hand. Darauf: Tetris.
Was nach einer seltsamen Idee klingt, war eine kontrollierte Studie. Eine Gruppe von Patientinnen rief kurz die Erinnerung an den Unfall auf und spielte danach etwa 20 Minuten Tetris. Die Vergleichsgruppe führte in derselben Zeit ein schriftliches Tätigkeitsprotokoll. Beides fand innerhalb von sechs Stunden nach dem Unfall statt, direkt in der Notaufnahme [1].

Das Ergebnis war eindeutig: Wer gespielt hatte, entwickelte in der folgenden Woche deutlich weniger aufdringliche, sich aufdrängende Erinnerungsbilder an das Unfallgeschehen.

Ein Computerspiel gegen traumatische Erinnerungen. Warum sollte etwas so Banales wirken, und das nachweislich? Und was bedeutet das für alle, die weit weg von einer Notaufnahme sind, aber trotzdem ein Bild mit sich tragen, das nicht zur Ruhe kommt?

Die Antwort liegt nicht im Spiel. Sie liegt in einem Mechanismus, den auch EMDR nutzt, nur eben anders verpackt.

Das EMDR-Prinzip

  1. Das Arbeitsgedächtnis hat eine stark begrenzte Kapazität.
  2. Es kostet Kapazität, sich eine Erinnerung lebendig vorzustellen.
  3. Wer dabei gleichzeitig eine fordernde Aufgabe erledigt, bekommt die Erinnerung danach blasser zurück, und zwar dauerhaft, nicht nur für den Moment.

Das Modell dahinter stammt aus der kognitiven Psychologie: Das Arbeitsgedächtnis ist kein unbegrenzter Speicher, sondern ein enger Arbeitsraum mit klaren Kapazitätsgrenzen [2]. Wie eng dieser Zusammenhang mit Vorstellungsbildern ist, zeigt sich daran, dass die Lebendigkeit eines inneren Bildes direkt davon abhängt, wie viel vom Arbeitsgedächtnis gerade frei ist [3]. Visuell-räumliche Aufgaben können darüber gezielt emotional belastende Erinnerungen desensibilisieren [4].

Das ist kein reiner Laborbefund. An einer echten Katastrophe bei einer Massenveranstaltung zeigte sich: Wurde das Arbeitsgedächtnis der Betroffenen durch eine zusätzliche Aufgabe belastet, sanken Lebendigkeit und emotionale Intensität ihrer Erinnerungsbilder daran [5].

Die Erinnerung wird nicht gelöscht. Sie wird schwächer abgespeichert.

Vergleiche aus dem Alltag

Erfahrung Was daran das Prinzip ist
Du merkst dir eine Telefonnummer, jemand spricht dich an, die Nummer ist weg Kapazitätsgrenze, direkt spürbar
Versuch, dir ein Gesicht genau vorzustellen, während du 17 mal 24 im Kopf rechnest. Das Bild verblasst Genau der Effekt, den die Studien messen
Ein schwerer Gedanke auf einem langen Spaziergang verliert seine Macht über dich Rhythmus plus bewegtes Blickfeld
Schwierige Botschaften lassen sich beim Nebeneinandergehen oft leichter sagen als am Tisch gegenüber Blick frei, Hände beschäftigt, weniger Ladung im Vordergrund
Nach dem Schlaf ist es morgens kleiner Nächtliche Verarbeitung, viel Augenbewegung im Traumschlaf

Auch Tätigkeiten wie Fahrradfahren, Autofahren, Schwimmen, Duschen, Handarbeiten haben oft eine entspannende Wirkung. Das Prinzip ist nicht exotisch – aber in EMDR wird es isoliert genutzt.

Analogien aus Tierwelt und Evolution

Ein Reh hebt beim Fressen kurz den Kopf, scannt den Horizont, senkt den Kopf wieder und frisst weiter. Dieser Scan endet mit dem Ergebnis „keine Gefahr“, und der Körper fährt daraufhin herunter. In der EMDR-Theorie wird genau dieses Muster als mögliche Erklärung herangezogen, als sogenannte Orientierungsreaktion, daneben als Entspannungsreaktion [6]. Dafür gibt es aber keine richtige Evidenz, deswegen wird sie von robusteren Erklärmodellen, vor allem der Belastung des Arbeitsgedächtnisses, abgelöst [7].

Bei Beutetieren lässt sich nach überstandener Gefahr oft ein Zittern und Schütteln beobachten, ein körperliches Abschütteln der Alarmreaktion. Wie sich dieses Prinzip nutzen lässt, beschreibt der Beitrag zur Traumaintegration mit Somatic Experiencing nach Peter Levine.

Auch der Traumschlaf gehört in dieses Bild. Im REM-Schlaf finden ausgeprägte Augenbewegungen statt, während der Tag verarbeitet wird. Ob EMDR einen diesem REM-Schlaf ähnlichen Prozess auslöst oder eher eine Orientierungsreaktion aktiviert, ist Gegenstand laufender Forschung [8].

Warum ist das Arbeitsgedächtnis überhaupt so klein? Ein Organismus, der alles gleichzeitig verfolgt, handelt am Ende gar nicht. Der enge Engpass ist kein Konstruktionsfehler, sondern die Bedingung dafür, dass überhaupt entschieden werden kann.

Das erklärt auch, warum aufdringliche Bilder überhaupt existieren. Ein einmaliges, gefährliches Erlebnis muss sofort und dauerhaft haften bleiben, eine zweite Chance gibt es evolutionär nicht. Deshalb speichert das Nervensystem solche Momente sensorisch, hell und ohne Zeitstempel ab. Das ist zunächst reine Funktion. Zum Problem wird es erst, wenn das Bild bleibt, obwohl die Gefahr längst vorbei ist. Mehr dazu im Beitrag zu Trauma aus Sicht der Neurobiologie.

Der eigentliche Ansatz für all das heißt Rekonsolidierung: Eine Erinnerung ist kein Foto in einem Archiv, das unverändert bleibt. Sie ist eher eine Datei, die beim erneuten Öffnen mitgeschrieben und aktualisiert wird. Evolutionär macht das Sinn: Die innere Landkarte muss anpassbar bleiben, wenn sich die Welt ändert. Für die Praxis heißt das: Es gibt ein Zeitfenster, in dem eine Erinnerung tatsächlich veränderbar ist, und genau in diesem Fenster setzen sowohl EMDR als auch der Tetris-Effekt an.

Forschungsstand EMDR

EMDR ist als Gesamtverfahren wirksam und in den gängigen Behandlungsleitlinien verankert. Als Erklärung dient heute meist die Annahme, dass die Außenorientierung durch die bilaterale Stimulation das Arbeitsgedächtnis beansprucht und dadurch von der inneren, belastenden Vorstellung abzieht. Die Belastung wird in der Folge als geringer erlebt [9].

Interessant wird es bei der Frage, was an EMDR tatsächlich der Wirkstoff ist. Die günstige Gesamtwirkung von EMDR gilt als belegt, doch der spezifische Anteil der Augenbewegungen selbst konnte in der Forschung nicht nachgewiesen und wurde sogar mehrfach widerlegt [10]. Nicht die Augenbewegung ist der Wirkstoff, sondern die Belastung des Arbeitsgedächtnisses. Genau das öffnet die Methode grundsätzlich für andere Aufgaben als Augenbewegungen.

Diese Lesart wird von weiteren Befunden gestützt. Studien zur binauralen Stimulation, bei der Töne statt Augenbewegungen eingesetzt werden, stellen deren eigenständige Wirksamkeit infrage [11]. Abwechselndes Fingertippen als Ersatz für die Augenbewegung zeigte weder in subjektiven noch in körperlichen Messwerten eine Verbesserung [12]. Die Lesart, die sich daraus ergibt: Was das Arbeitsgedächtnis zu wenig fordert, wirkt kaum.

Konsequent weitergedacht: das Arbeitsgedächtnis noch stärker auszulasten, etwa durch schnellere oder diagonale Augenbewegungen, Rückwärtsbuchstabieren oder komplexe Rhythmen. Dahinter steckt eine umgekehrte U-Kurve: Bei zu wenig Last passiert nichts. Bei zu viel Last kann die Erinnerung nicht mehr gleichzeitig gehalten werden, und auch dann passiert nichts. Der Effekt sitzt im Scheitel dieser Kurve, dazu später mehr, wenn es um die Auswahl konkreter Übungen geht.

Forschungsstand Tetris & Co

Jahr Studie Kernaussage
2009 Holmes et al. Tetris 30 Minuten nach einem Traumafilm führt zu weniger Intrusionen als keine Aufgabe [13]
2015 James et al. Computerspiel reduziert intrusive Erinnerungen an experimentelles Trauma über Rekonsolidierungs-Update-Mechanismen [14]
2018 Iyadurai et al. Randomisierte kontrollierte Studie in der Notaufnahme, innerhalb von sechs Stunden nach Verkehrsunfall [1]
2022 Schwedische Notaufnahme Breiteres Spektrum an Ereignissen, Nachbeobachtung über einen Monat hinaus, mit positiven Ergebnissen [15]

Die übliche Spieldauer lag in den Studien 10 bis 12 Minuten. Zwischen der Spieldauer und der Stärke des Effekts zeigte sich dabei kein erkennbarer Trend [16]. Für die Anwendung heißt das: Länger ist nicht automatisch wirksamer.

Zur Redlichkeit gehört an dieser Stelle ein Gegenbefund: einige Studien stellen infrage, ob Tetris Intrusionen so zuverlässig reduziert wie zunächst angenommen [17]. Eine mögliche Deutung dieser Nullbefunde: Tetris wirkt womöglich nur unter engen Bedingungen mit direkter Begleitung durch geschultes Personal [16]. Für diesen Beitrag ist genau das die zentrale Erkenntnis: Nicht das Spiel allein ist die Intervention. Es ist die Einbettung um das Spiel herum, das einen wesentlichen Unterschied macht. Hinzu kommt: Der größte Teil der Laborbefunde stammt aus dem sogenannten Traumafilm-Paradigma an gesunden Freiwilligen, nicht aus klinischen Stichproben mit echter Traumavorgeschichte.

Fakten und Mythen

Aussage Status
Belastung des Arbeitsgedächtnisses senkt Lebendigkeit und Ladung von Vorstellungsbildern gut belegt
EMDR wirkt als Gesamtverfahren gut belegt
Erinnerungen sind beim Abruf veränderbar (Rekonsolidierung) gut belegt
Augenbewegungen sind der spezifische Wirkstoff widerlegt
Tetris reduziert Intrusionen zuverlässig im Alltag strittig, Replikationen fehlen
Orientierungs- und Entspannungsreaktion als Erklärung plausibel, dünn belegt
REM-Ähnlichkeit als Erklärung offen
Hemisphären-Synchronisation überholt [18] 

Ablauf EMDR-Prozess in der Praxis

Das Verfahren gliedert sich in acht Phasen [19].

  1. In der Anamnese erhebt die Therapeutin die Vorgeschichte und wählt gemeinsam mit dem Klienten ein konkretes Thema mit spezifischen Erinnerungen aus, nennen wir es Triggerbild. Meist ist das nicht das gesamte Ereignis, sondern ein einzelnes Standbild daraus, der Moment mit der größten Ladung. Der Grund: Das Arbeitsgedächtnis kann nur begrenzten Inhalt gleichzeitig halten, eine ganze Geschichte überfordert diese Kapazität, ein einzelnes Bild passt hinein und lässt sich eher über den gesamten Prozess halten.
  2. Vorbereitungsphase:  Es wird eine Anker-Ressource aufgebaut, häufig als inneres Bild eines sicheren oder stabilen Ortes. Diese Ressource dient als Rückkehrpunkt, falls die Verarbeitung stärker wird als erwartet. Ohne einen solchen Punkt fehlt dem Prozess ein sicherer Ausstieg. Neben dem inneren Bild sind es oft die Wahrnehmung von als stabil empfundenen Körpersignalen, wie Atmung, Füße, Gliedmaßen. Die Therapeutin erklärt die Methode und fragt nach dem Einverständnis zur Durchführung.
  3. Bewertungsphase: Der Klient formuliert zum gewählten Triggerbild einen negativen und eine positiven Gedanken, dazu die Belastung auf einer Skala von null bis zehn (SUD-Skala, für subjective units of distress) und wie stimmig sich der gewünschte Satz bereits anfühlt. Diese Struktur macht Ausgangspunkt und Ziel messbar und gibt beiden Beteiligten eine gemeinsame Sprache für den weiteren Verlauf. Ob diese kognitive Umformulierung selbst einen eigenständigen Wirkanteil hat oder vor allem der Messung dient, ist nicht abschließend geklärt.
  4. Desensibilisierung: Der Klient hält Triggerbild und belastenden Satz kurz im Bewusstsein, während sie einer geführten Bewegung mit den Augen folgt, meist horizontal, in Sets von etwa 20 bis 30 Sekunden. Nach jedem Set folgt eine kurze, offene Nachfrage, was gerade da ist, ohne das zuvor Gesagte zu bewerten. Was auch immer auftaucht, wird zum Ausgangspunkt des nächsten Sets. Die Doppelaufgabe aus Bild halten und gleichzeitig der Bewegung folgen belastet das Arbeitsgedächtnis, und nach der heute vorherrschenden Lesart ist genau das der wirksame Kern, nicht die Augenbewegung als solche. Warum daraus eine assoziative Kette aus immer neuen Gedanken, Bildern und Körperempfindungen entsteht, die sich im Verlauf meist selbstständig in Richtung Entlastung bewegt, ist theoretisch nicht vollständig geklärt. Dieses Phänomen ist gut beschrieben, aber nicht vollständig erforscht.
  5. Wenn die Belastung gesunken ist, folgt die Verankerungsphase: Der positive Satz aus der Bewertungsphase wird über weitere kurze Sets mit dem ursprünglichen Bild verbunden, bis er sich stimmig anfühlt. Entlastung allein ersetzt schließlich keine neue, tragfähige Bewertung der Situation, diese Phase baut das Gegenstück zur alten Bewertung gezielt auf.
    Ggf. kognitiver Interweave („Einweben“): Gefährdet eine Blockade oder das Verfangen in emotionalen Schleifen diesen natürlichen Prozess, greift die Therapeutin gezielt mit einem kognitiven Interweave ein. Statt den freien Assoziationen weiter ihren Lauf zu lassen, wird im laufenden Prozess eine kurze Frage, eine fehlende Information oder ein neuer Perspektivimpuls – etwa zu Sicherheit, Verantwortung oder Handlungsoptionen – eingespeist und sofort mit dem nächsten Bewegungsset verknüpft. Dieser Impuls entzieht der Festgefahrenheit die kognitive Dominanz, gibt dem Arbeitsgedächtnis einen frischen Anstoß.
  6. Im Körpertest prüft der Klient, ob beim Zurückrufen von Bild und positivem Satz noch körperliche Anspannung spürbar ist. Falls ja, wird diese zum neuen Fokus weiterer Sets.
  7. Jede Sitzung wird unabhängig vom erreichten Stand kontrolliert beendet, im Zweifelsfall über die Anker-Ressource aus der Vorbereitungsphase. Ein kontrollierter Abschluss verhindert, dass jemand die Sitzung in zu erregter Verfassung verlässt.
  8. Zu Beginn der nächsten Sitzung schließlich wird erhoben, was sich seit dem letzten Mal gezeigt hat, bevor mit neuem oder demselben Material weitergearbeitet wird. Verarbeitung endet oft nicht mit der Sitzung selbst, diese Nachbefragung nimmt auf, was in der Zwischenzeit an Gedanken, Träumen oder Verhaltensänderungen aufgetaucht ist, und ordnet es in den Gesamtprozess ein.

Transfer zu Coaching: EMDR außerhalb des Therapiesettings?

Die Grenze zwischen Coaching und Therapie verläuft nicht durch die Methode selbst. Vergleich: Krafttraining und Physiotherapie benutzen dieselbe Kniebeuge, reguliert ist die Indikation, nicht die Bewegung. Erlaubnispflichtig ist in Deutschland alles, was unter Heilkunde fällt: die Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheit. Ausschlaggebend ist damit die Zielsetzung einer Anwendung, nicht die Technik dahinter. Dual-Task-Arbeit an sich ist kein geschütztes Verfahren.

Die eigentliche Trennlinie verläuft entlang dreier Achsen:

  1. Beim Anlass steht im Coaching positive Entwicklung, Lernen und Leistung im Vordergrund, in der Therapie ein tatsächlicher Störungswert mit Funktionseinschränkung.
  2. Beim Zustand der Person ist im Coaching die persönliche Struktur tragfähig und der Alltag läuft, in der Therapie ist die Struktur überfordert und der Alltag leidet spürbar.
  3. Beim Ziel geht es im Coaching um Handlungsfähigkeit und Kohärenz, in der Therapie um Symptomreduktion.

Wer von dem Transfer der Dual-Tasking-Integration (wie sie auch im EMDR geschieht) profitiert, ohne im klinischen Sinn krank zu sein, sind zum Beispiel:

  • Menschen mit einer negativen Erfahrung, die weiter herausfordert, etwa nach einem kürzlichen Blackout bei einer Präsentation vor der Geschäftsführung.
  • Menschen mit einem fiesen Gedanken im Nacken, der in kritischen Gesprächen zuverlässig anspringt, so etwas wie „Du bist einfach nicht so clever und gehörst nicht in diese Liga“
  • Menschen mit einer schlechten Nacht, in der sich ein ein Konfliktgespräch im Kreis drehte.
  • Und Menschen, die z.B. in Pflege, Rettung, Sozialarbeit, Schule arbeiten, denen eine unangenehme Erfahrung nachhallt

Statt einer klassischen Ausschlussliste lohnt sich hier eher eine Prüfung der eigenen Ressourcen: Kann ich mich selbst wieder beruhigen, wenn etwas hochkommt? Kann ich doppelt aufmerksam sein, hier im Moment und gleichzeitig beim belastenden Material? Kann ich meinen Alltag gerade aufrechterhalten, funktionieren Schlaf und Arbeit im Wesentlichen? Und gibt es einen Menschen, mit dem ich darüber reden kann? Wer diese Fragen sicher mit Ja beantworten kann, bringt wahrscheinlich die nötigen Ressourcen für Coaching mit.

Besonders interessant für die Praxis ist die Übertragung ins Peer-Coaching: Die oben beschriebenen Nullbefunde bei Tetris legen nahe, dass ein großer Teil der Wirkung nicht im Spiel selbst liegt, sondern im Setting darum. Ein Gegenüber, das konsequent zurück in den geistigen Prozess holt, ist vermutlich der wirksamste Teil dieses Settings. Entscheidend ist dabei, was diese begleitende Person bewusst nicht tut: deuten, trösten oder vereinfachende Lösungen anbieten. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, zusammen mit der betroffenen Person den Rahmen und das Ziel aufrecht zu halten.

Übersichtstabelle: Drei Achsen der Abgrenzung

Coaching Therapie
Anlass Entwicklung, Übergang, Leistung, Klärung Störungswert, Funktionseinschränkung
Zustand tragfähige Struktur, Alltag läuft Struktur überfordert, Alltag leidet
Ziel Handlungsfähigkeit, Kohärenz Symptomreduktion

Daraus ergeben sich zwei unterschiedliche Protokolle für psychotherapeutische EMDR-Sitzungen und der flexibleren Dual-Task-Arbeit mit alltäglichen Belastungserinnerungen:

  1. EMDR ist stark standardisiert mit vorgegebenen Sets der bilateralen Stimulation. Das belastende Bild soll aufrechterhalten werden. Die Sets sind eher kurz (45-90 Sekunden). Es findet innerhalb eines diagnostischen, klinischen Therapie-Settings statt.
  2. Dual-Task-Übungen: Bilder dürfen während der Übung verschwinden, es können auch längere Sets stattfinden. Es können auch Spiele statt der bilateralen Augenbewegung eingesetzt werden. Es findet keine Diagnostik statt.

 

Mögliche Spiele, und warum genau diese

Auf einer Test-Webseite kannst du die folgenden Spiele ausprobieren:

Spur Kognitive Last Möglicher Einsatzzweck
Pong niedrig bis mittel ähnlich zu EMDR-Augenbewegung, Kompromiss für Selbstanwendung
Space Invaders mittel ähnlich zu Pong, etwas fordernder
Tetris hoch, mentale Rotation aufdringliche Bilder, mehr Ablenkung durchs Spiel
Asteroids hoch, chaotisches Umfeld, 360 Grad-Orientierung stärkere Forderung gegenüber Grübelschleifen
Breakout niedrig bis mittel nah an Pong, etwas fordernder durch wechselnde Flugbahnen
Snake mittel, wachsend wachsende Selbstbeobachtung
Pacman mittel bis hoch Vigilanz und Vermeidung, stärker gegenüber bei Grübeln
Augenbewegung pur, wie bei EMDR sehr niedrig wenn ein Gegenüber den Takt gibt und mehr Fokus auf die Erinnerungen & Bilder

Statt nur eine neutrale Aufgabe neben die Erinnerung zu legen, lassen sich eigene, selbst gewählte Begriffe direkt ins Spiel einblenden und durch die Spielmechanik gezielt eliminieren, etwa abgeschossen, weggeräumt oder aufgelöst. Das ist ein anderer Mechanismus als der oben beschriebene: Hier werden Begriffe aktiv hineingeholt und mit einer Handlung der Bewältigung verknüpft. Für diese spezifische Kombination aus Begriffskonfrontation und spielerischer Auflösung gibt es bislang keine eigene Studienlage, sie lässt sich nicht unter die oben zitierte Forschung zu Tetris oder EMDR fassen. Wer damit arbeitet, sollte das wissen: Es ist ein plausibler, aber unbelegter Wirkweg, kein Beleg bisher, sondern ein Experiment für Selbstcoaching.

Warum Spiele unterschätzte Dual-Task-Aufgaben sein können:

  • Die Bewegungen zwingen die Augen auch in Bewegungen, die im EMDR-Protokoll vorgegeben wird,
  • Zusätzlich gibt es eine Entscheidungs- und Vorhersageaufgaben: wo trifft ein Ball auf, wie Bewege ich das Spielobjekt?
  • Das ist mehr kognitive Last als ein Punkt, der hin und her läuft, aber wenig genug, dass das Erinnerungsbild danebenpasst.

Wie Spiele dafür konfiguriert sein sollten

  • kein Game Over als Endpunkt, sonst wird der Prozess abgebrochen
  • kein Fokus auf Spielerfolg oder -verlust
  • keine Story, keine Belohnungsschleife, keine Stimmungsmusik

Die Ladungsintensität

Wer mit einer nur milden Alltagsspannung an eine dieser Übungen herangeht, könnte feststellen, dass beim Spielen einfach nichts passiert. Dafür macht es Sinn, die Ladungsintensität des Erinnerungsbildes zu unterscheiden. Dies entspricht der SUD-Skala (subjective units of distress).

Bei einer Ladung von 0 bis 3 auf einer Skala von 0 bis 10 fehlt schlicht genug Substanz, damit eine Dual-Task-Übung greifen kann. Hier lohnt sich eher kognitive Arbeit, etwa mit dem Teufelskreis-Modell, der Kopfstand-Methode oder einer existenziellen Konfrontation. Im Bereich 4 bis 8 liegt der eigentliche Arbeitsbereich für die hier beschriebenen Dual-Task-Übungen. Bei einer Ladung von 9 oder 10 empfiehlt sich zunächst der Aufbau eines sicheren Ortes und eine Stabilisierung, bevor die Ladung erneut eingeschätzt wird.

Ladung 0 bis 10 Weg
0 bis 3 Zu wenig Halt im Arbeitsgedächtnis. Die Intensität könnte gesteigert werden, zuvor könnte kognitiv an dem Thema gearbeitet werden, mit Coaching-Methoden wie Teufelskreis, Kopfstand, Stresswolke
4 bis 8 Arbeitsbereich für Dual-Task
9 bis 10 Erst Sicherer Ort, Ressourcen-Aktivierung, Anker-Ressourcen-Setzung und Stabilisierung, danach neu messen. Ggf. Verweis an Psychotherapie, falls Grundvoraussetzungen nicht gegeben sind.

 

Wo die Grenzen liegen

Nichts von den beschriebenen Spielen und Coaching-Möglichkeiten ersetzt ein Heilverfahren, eine Diagnostik oder ein Ersatz für therapeutische Begleitung. Die Datenlage zu Tetris außerhalb kontrollierter Laborbedingungen ist, wie beschrieben, strittig. Und die Selbstanwendung hat einen strukturellen Nachteil: Es fehlt das Gegenüber, das konsequent ans Ziel zurückholt.

Drei beobachtbare Marker zeigen an, wann ein Wechsel ins therapeutische Setting sinnvoll ist:

  1. wenn die Ladung über mehrere Durchgänge hinweg oben bleibt oder sogar steigt,
  2. wenn Schlaf, Arbeit oder Beziehungen seit Wochen spürbar leiden,
  3. oder wenn es zu einem Wegkippen des Bewusstseins kommt, etwa Zeitverlust, Benommenheit oder das Gefühl, nicht mehr ganz da zu sein.

Anlaufstellen dafür sind die Terminservicestelle unter 116 117, die Psychotherapeutensuche der zuständigen Landeskammer oder die eigene Hausarztpraxis als erster Wegweiser.

Fazit

Der Dual-Task-Mechanismus interessiert sich nicht dafür, ob jemand eine Diagnose hat. Er interessiert sich dafür, ob eine Erinnerung emotional geladen ist und ob das Arbeitsgedächtnis währenddessen etwas zu tun bekommt.

Wer das Prinzip einmal selbst ausprobieren möchte, findet unter katush.de/augenspiel eine digitale Umsetzung: Anliegen notieren, Ladung einschätzen, passendes Spiel wählen, Durchgang machen, danach reflektieren.

Für Coaches, die mit diesen und ähnlichen Methoden arbeiten möchten, lohnt sich ein Blick in den Methodenkoffer oder in die Angebote der Akademie.

 

Quellen

Quellen

[1] Iyadurai, L., Blackwell, S. E., Meiser-Stedman, R., Watson, P. C., Bonsall, M. B., Geddes, J. R., Nobre, A. C., & Holmes, E. A. (2018). Preventing intrusive memories after trauma via a brief intervention involving Tetris computer game play in the emergency department: A proof-of-concept randomized controlled trial. Molecular Psychiatry, 23(3), 674–682. https://doi.org/10.1038/mp.2017.23

[2] Baddeley, A. D., & Hitch, G. (1974). Working memory. In G. H. Bower (Hrsg.), The psychology of learning and motivation (Bd. 8, S. 47–89). Academic Press.

[3] Baddeley, A. D., & Andrade, J. (2000). Working memory and the vividness of imagery. Journal of Experimental Psychology: General, 129(1), 126–145.

[4] Kavanagh, D. J., Freese, S., Andrade, J., & May, J. (2001). Effects of visuospatial tasks on desensitization to emotive memories. British Journal of Clinical Psychology, 40(3), 267–280. https://doi.org/10.1348/014466501163689

[5] Engelhard, I. M., van den Hout, M. A., & Smeets, M. A. M. (2011). Taxing working memory reduces vividness and emotional intensity of images about the Queen’s Day tragedy. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 42(1), 32–37. https://doi.org/10.1016/j.jbtep.2010.08.004

[6] MacCulloch, M. J., & Feldman, P. (1996). Eye movement desensitisation treatment utilises the positive visceral element of the investigatory reflex to inhibit the memories of post-traumatic stress disorder: A theoretical analysis. British Journal of Psychiatry, 169(5), 571–579. (Sekundärquelle, Angabe nicht am Original geprüft)

[7] Söndergaard, H. P., & Elofsson, U. (2008). Psychophysiological studies of EMDR. Journal of EMDR Practice and Research, 2(4), 282–288.

[8] Deutsches Ärzteblatt. (2024). Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR): Eine ungewöhnliche Form der Psychotherapie. https://www.aerzteblatt.de/archiv/eye-movement-desensitization-and-reprocessing-emdr-eine-ungewoehnliche-form-der-psychotherapie-e48d0bc4-6eb1-42ef-809f-2cf9ad0cec26

[9] Kramer, M. (2017). EMDR – Entwicklung, Praxis und Veränderung. Psychotherapie Forum. https://doi.org/10.1007/s00729-017-0089-8

[10] Lee, C. W., & Cuijpers, P. (2013). A meta-analysis of the contribution of eye movements in eye movement desensitization and reprocessing. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 44(2), 231–239. https://doi.org/10.1016/j.jbtep.2012.11.001

[11] van den Hout, M. A., Engelhard, I. M., Rijkeboer, M. M., Koekebakker, J., Hornsveld, H., Leer, A., Toffolo, M. B. J., & Akkersdijk, N. (2010). Tones or eye movements in EMDR? Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 41(1), 31–36. https://doi.org/10.1016/j.jbtep.2009.08.006

[12] Wilson, D., Silver, S. M., Covi, W., & Foster, S. (1996). Eye movement desensitization and reprocessing: Effectiveness and autonomic correlates. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 27(3), 219–229.

[13] Holmes, E. A., James, E. L., Coode-Bate, T., & Deeprose, C. (2009). Can playing the computer game „Tetris“ reduce the build-up of flashbacks for trauma? A proposal from cognitive science. PLOS ONE, 4(1), e4153. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0004153

[14] James, E. L., Bonsall, M. B., Hoppitt, L., Tunbridge, E. M., Geddes, J. R., Milton, A. L., & Holmes, E. A. (2015). Computer game play reduces intrusive memories of experimental trauma via reconsolidation-update mechanisms. Psychological Science, 26(8), 1201–1215. https://doi.org/10.1177/0956797615583071

[15] Kanstrup, M., Singh, L., Göransson, K. E., Widoff, J., Taylor, R. S., Gamble, B., Iyadurai, L., Moulds, M. L., & Holmes, E. A. (2022). Reducing intrusive memories after trauma via a brief cognitive task intervention in the hospital emergency department: An exploratory pilot randomised controlled trial. Translational Psychiatry, 12, Artikel 17. https://doi.org/10.1038/s41398-021-01771-z

[16] Broughill, J., et al. (2025). Testing a dose-response effect of the visuospatial game Tetris on intrusive memories. Journal of Traumatic Stress. Advance online publication. https://doi.org/10.1002/jts.70000

[17] Sammelverweis auf mehrere neuere Arbeiten mit Nullbefunden zu Tetris, zitiert innerhalb von [16] (u. a. Hemi et al. 2023, Wessel et al. 2024, Matura et al. 2025). Originalarbeiten vor Veröffentlichung eigenständig prüfen.

[18] Propper, R. E., & Christman, S. D. (2008). Interhemispheric interaction and saccadic horizontal eye movements: Implications for episodic memory, EMDR, and PTSD. Journal of EMDR Practice and Research, 2(4), 269–281. Siehe auch: Samara, Z., Elzinga, B. M., Slagter, H. A., & Nieuwenhuis, S. (2011). Do horizontal saccadic eye movements increase interhemispheric coherence? Investigation of a hypothesized neural mechanism underlying EMDR. Frontiers in Psychiatry, 2, Artikel 4.

[19] Shapiro, F. (2001). Eye Movement Desensitization and Reprocessing: Basic Principles, Protocols, and Procedures (2. Aufl.). Guilford Press.

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