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Kreativität & Trauma

Vorweg: Was ist Kreativität? Was ist Trauma?

Prozess State
Kreativität Kreativität ist die Fähigkeit, Neues zur Welt zu bringen. Das bedeutet, alte Dinge so zu rekombinieren, dass etwas noch nie Dagewesenes entsteht. Der Kreative ist derjenige, der aus Möglichkeiten Wirklichkeiten macht. Er ist also Schöpfer oder Erschaffer.
Trauma Ein Trauma ist eine seelische Verletzung, die je nach Intensität, Zeitpunkt in der psychischen Entwicklung und nach Persönlichkeit unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Verankerung der negativen Erfahrung im emotionalen Gedächtnis und in der Persönlichkeit des Organismus.

Innere Spannungen als Brücke zwischen Kreativität und Trauma

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.!“
Friedrich Nietzsche

Ausgangspunkt eines kreativen Prozesses ist eine Spannung. Diese kann repräsentiert werden als ein Konflikt zwischen inneren Anteilen, z.B. dem erwachsenen Ich-Bewusstsein und einem verletzlichen inneren Kind. Ein Trauma kann genau so beschrieben werden: als innere Abspaltung eines verletzten Anteil. Damit bildet ein Trauma einen potentiellen Ausgangspunkt für einen kreativen Prozess. Ob dieser tatsächlich stattfindet und am Ende zu einer Trauma-Integration führt, hängt vor allem ab von den vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen eines Menschen, der sozialen Begleitung.

In diesem Artikel wollen wir eine Brücke bauen zwischen den beiden Phänomenen, Kreativität & Trauma, und benutzen dafür verschiedene psychologische Perspektiven, definieren darin Kreativität & Trauma und ziehen Schlüsse für die persönliche Entfaltung der eigenen Kreativität und Möglichkeiten für effektive Trauma-Therapie.

Zwei Ebenen der Trauma-Dynamik: Nervensystem & Persönlichkeitspsychologie

Um die Zusammenhänge zwischen Trauma und Kreativität zu verstehen, benutzen wir zwei verschiedene Perspektiven auf den Menschen:

A Die neurobiologische Ebene beschreibt Struktur und die Prozesse unseres Nervensystems: das zentrale und vegetative Nervensystem des Homo Sapiens bilden ein sehr komplexes Geflecht. Über neuronale Verbindungen, elektrochemische Reaktionsketten, Hormone, Neurotransmitter, elektromagnetische Schwingungen, funktionale Netzwerke und Gehirnregionen laufen sämtliche Reize unseres Organismus‘: vom sexuellen Erregungsreflex bis hin zur ästhetischen Reflexion der Menschheitsgeschichte.

B Auf der Ebene der Persönlichkeit haben wir mehrere Persönlichkeitsanteile. Die Persönlichkeit ist ein emergentes Phänomen, das makroskopische Erleben eines Menschen als Person. In unserer zur Vereinfachung tendierenden Wahrnehmung nehmen wir einen Menschen als eine Persönlichkeit wahr (z.B. die liebevolle Mutter, der strenge Chef) – je nach sozialem Umfeld, Stimmung und Lebensphase zeigt ein Individuum jedoch unterschiedlich und scheinbar widersprüchliche Persönlichkeiten (die liebevolle Mutter kann auch eine tyrannische Chefin sein, und der sadistische Nazi kann ein rücksichtsvoller Nachbar sein). Dies wird z.B. beschrieben in Modellen wie dem Inneren Team, der Transaktionsanalyse, Ego States.

Zwei Phänomene, Zwei Ebenen:
Kreativität & Trauma aus Sicht der Neurobiologie und der Persönlichkeitspsychologie

Neurobiologie Persönlichkeit (phänomenologisch)
Trauma
  • Erregung des Sympatikus (fight / flight, freeze) ohne akuten äußeren Reiz,
  • limbisches System hält negativen Affekt aufrecht
  • Stammhirn verarbeitet die zum Trauma gehörenden Körpersignale (z.B. Verletzung, vegetative Signale)
  • Präfrontaler Kortex („bewusste Steuerungszentrale“) ist überfordert: zu viele negative Reize / Informationen. Millersche Zahl ( 7 Chunks of Information) kann überstiegen werden, wenn sowohl Emotionen, Körpersignale, kognitive Bewertungen, Erinnerungen, innere Bilder und soziale Prozesse gleichzeitig ablaufen bei der unregulierten Wahrnehmung des Traumas
    –> Dissoziation: Abkopplung vom Bewusstsein, Umgehung des präfrontalen Kortex‘
  • mangelnde Top-Down-Nervenbahnen (Präfront. Cortex –> Amygdala / Stammhirn), die das Trauma nicht regulieren / integrieren können
  • sympathische Erregung führt zu Überforderung, Unsicherheit, emotionaler Gereiztheit
  • verletzter Anteil führt Eigenexistenz, z.B.
    • vernachlässigtes inneres Kind
    • Choleriker
  • Persönlichkeitsstörungen als mögliche Folge
    • histrionische Persönlichkeit (früher: hysterisch)
    • Narzissmus
    • Paranoide Persönlichkeit
    • Dissoziale Persönlichkeitsstörung
  • Erwachsener Ich-Anteil ist nicht mehr Herr über den verletzten Anteil
Kreativität
  • Zusammenspiel aus Präfrontalem Cortex, Default-Mode-Network, Salience Network…
  • …sowie Verarbeitung von Erinnerungen, inneren Bildern, äußeren Reizen, Verhaltensweisen, Wissen, Beziehungen, sozialen Interaktionen… letztlich allen einkommenden Reizen und Ressourcen
  • Default-Mode-Network wirkt als Zufallsgenerator von zur Verfügung stehenden Reizen & Kognitionen
  • Salience Network bewertet die Relevanz von Informationen
  • für „hohe Kreativität“ ist temporär eine geringe Selektion von Informationen im Salience Network hilfreich,
    um mehr Kombinationsmöglichkeiten zu generieren,
    für mehr neue Ideen
  • Inneres Team:
    diverse Persönlichkeitsanteile führen einen Dialog mit einander –> innere Ko-Kreativität
  • durch kreativen Prozess entsteht eine Integration der verschiedenen inneren Anteile
  • kreativer Raum ist frei von Bewertung: alle Ideen, Anteile, Kognitionen sind erlaubt
  • die kreative Persönlichkeit erlaubt viele Ideen, auch unkonventionelle und früher undenkbare

Der kreative Prozess zur Trauma-Integration

Nochmal in kurz: Mit dem Trauma kommen innere Spannungen. Der kreative Prozesse arbeitet bewusst oder unbewusst vor sich hin, um innere Spannungen aufzulösen. Dafür werden die vorhandenen Ressourcen permutiert, gefiltert, bewertet… und falls eine passable Lösung entsteht, zunächst als Idee oder Bild oder Ahnung, kann die Spannung gelöst werden.

Kreativität verringert die innere Entropie

Die psychologische Entropie ist ein Maß für die Unordnung bzw. die Möglichkeiten, die vorhanden psychologischen Ressourcen verschieden anzuordnen. Je mehr Ressourcen (Wissen, Erfahrungen, Modelle, Heuristiken) es gibt, desto größer ist auch die Anzahl an Kombinationen und damit tendenziell auch die Entropie.

Eine hohe innere Unordnung kann als Belastung empfunden werden und zu Dissoziation führen. Kreativität schafft ein neuartiges Arrangement von Ressourcen, Gedanken, inneren Bildern und Handlungsmöglichkeiten. Im kreativen Prozess werden diese Ressourcen permutiert, neu-kombiniert, und ergeben eventuell Neukombinationen in Form von kreativen Produkten, die eine emotionale oder kognitive Auflösung schaffen. Eine kognitive Dissonanz kann gestillt werden.

Top-Down-Regulierung als Erfolgsfaktor

Wie erfolgreich der kreative Prozess innere Spannungen auflöst, hängt vermutlich von der Stärke der Top-Down-Nervenbahnen im Gehirn ab. Top-Down-Regulation geht aus vom präfrontaler Kortex und reguliert basalere Gehirnregionen wie die Amygdala oder den Hirnstamm. Sind diese Verbindungen zu schwach, kann das emotionale Trauma-Material nicht mehr bewusst vearbeitet werden, es kommt zur Dissoziation. Können Amygdala und Frontalhirn zusammenarbeiten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Integration des Trauma-Materials.

Kann der kreative Prozess bewusst ablaufen, ergibt sich im besten Fall ein bewusster Lernprozess, der die Persönlichkeit reifen lässt.

Plopp

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Creative Commons Grafik von universaldenker.org

Da Trauma und innere Spannungen oft einhergehen mit einem erregten Sympatikus, aktiven Emotionen und kognitiven Spannungen kommt es zu einer Entladung, wenn der kreative Prozess eine erfolgreiche Auflösung geschaffen hat.

Beim elektrischen Strom fließen Ladungen von einem Pol zum anderen und verringern die elektrische Spannung. Dies kann kontinuierlich geschehen oder als plötzliche Entladung, im Extremfall als Blitz.

Ähnlich kann auch eine sympatikale Spannung sich relativ plötzlich entspannen und es kommt zu einer Art emotionalem Plopp: ein Stöhnen, Seufzen, Gähnen, Lachen, Schütteln…

Embodiment und körperliche Kreativität

Embodiment bezeichnet die Tatsache, dass kognitive Prozesse oft einhergehen mit körperlichen Prozessen: z.B. beim Lächeln werden Glückshormone ausgeschüttet und es entstehen positive Gedanken. Andersherum können Kognitionen und Emotionen entsprechende Gesten und Haltungen mit sich führen: Depressionen gehen oft einher mit einer gebückten Haltung, einem Kloß im Hals.

Emotionale und nervliche Spannungen können oft besonders gut durch kreative körperliche Aktivität aufgelöst werden: Tanzen, Spielen, freie Bewegung, erotische Interaktion… denn darin variiert der Körper muskuläre Spannung und Anspannung.